Eine Verwässerung der Umweltgesetze ist bisher verhindert worden

Von Jes Bau

Rüssel W. Peterson, der Vorsitzende des zweitgrößten amerikanischen Umweltschutzverbandes, der National Audubon Society, hat eine Schreckensvision: das Jahr 1990. Dann, so fürchtet der Umweltexperte, könnte dieses Katastrophen-Szenario wahr werden:

  • Ronald Reagan – 1984 zum Präsidenten wiedergewählt – hat sein Programm der „De-Reglementierung“ vollendet, bevor er im vom Smog verhüllten Sonnenuntergang davonritt. Seine Politik, einen großen Teil des bundeseigenen Landes an Ölbohrer und Minengesellschaften zu verpachten, hat er durchgesetzt. Die Umweltschutzgesetze sind entschärft worden. Die Behörden, die die Gesetze ausführen sollen, sind entmachtet.
  • Die Schwefel- und salpeterhaltigen Abgase der Industrie und der Autos, die den Säuregenalt des Regenwassers erhöhen, haben 273 Seen in den Bergen der Adirondacks im Staate New York zu toten Gewässern gemacht und die früheren Rottannen-Wälder auf den Bergspitzen absterben lassen. Tot sind auch Seen und Wälder in Maine, Vermont und New Hampshire. In den Appalachen, den Rocky Mountains, der Sierra Nevada, in dem Seengebiet von Minnesota und Wisconsin – überall sterben Seen und Wälder. Das Reservoir, aus dem Boston das Trinkwasser bezieht, ist kaum noch zu benutzen. Nördlich von Ontario sind 10 000 Seen ohne Leben und bis zum Jahre 2000 werden weitere 40 000 absterben.
  • Die Schwefel- und Salpeterabgase der Kraftwerke, Hochöfen und Autos verpesten die Luft so sehr, daß die Überlebenschancen von Menschen mit Lungen- und Herzleiden stark reduziert sind. Die Luftverschmutzung ist am stärksten in den Staaten des Westens gestiegen. Die um 78 Prozent erhöhten Schwefelabgase haben den Staat Montana zum „Land des schmutzigen Himmels“ gemacht. An jedem zweiten Tag herrscht Smog im Grand Canyon.
  • Nachdem die Kohlegesellschaften sich acht Jahre lang kaum noch um die Kontrollen durch die Aufsichtsbehörden des Bundes zu kümmern brauchten, sieht die Landschaft von Virginia, West Virginia und Kentucky wie ein Schlachtfeld aus. Bergspitzen wurden gekappt, um an die Kohle heranzukommen. Das Geröll wurde an die Berghänge geschüttet, von wo es in die Täler abrutscht und die Flüsse blockiert. Dadurch kommt es immer wieder zu Überflutungen, die die Bevölkerung aus ihren Häusern vertreibt..
  • Die Forcierung der offshore-Bohrungen nach Öl und Gas auf dem gesamten Riff des amerikanischen Kontinents hat – zeitweilig – zu einer leichten Steigerung der US-Ölproduktion und Gasförderung geführt. Aber chronische Öllecks und das Auslaufen mehrerer Tanker haben die Fischerei in Alaska schwer geschädigt und zu einer Dezimierung mehrerer Walarten geführt...

Der dies alles in seinem düsteren Kristallglas sieht, ist kein realitätsblinder Extremist, kein wildgewordener Vegetarier und auch keine Marionette Moskaus. Rüssel Peterson ist Mitglied der Republikanischen ’Partei, war Gouverneur von Delaware und leitete unter den Präsidenten Nixon und Ford den Beirat für Umweltqualität. Und deshalb hat seine scharfe Kritik an der gegenwärtigen Umweltpolitik Washingtons, die in dieser – vom New York Times Magazine veröffentlichten – Schreckensvision gipfelt, Gewicht und trifft die Regierung Reagan an einer weichen Stelle.

Der amerikanische Präsident hackt zwar gern Holz und genießt das Landleben auf seiner Bilderbuch-Rancn in Kalifornien. Aber der Bewahrung der Umwelt für die Masse der Bevölkerung, die den Autoabgasen nicht entkommen kann, mißt Reagan wenig Bedeutung bei. In den gesetzlichen Auflagen zum Umweltschutz erblickt er nur die verhaßte Reglementierung, die das Wirtschaftswachstum hemmt.

Unter Reagan wurde deshalb der Etat für Umweltprogramme weit stärker gekürzt als alle anderen Haushaltsposten. Darüber hinaus besetzte Reagan die Spitzenpositionen der mit Umweltfragen befaßten Behörden mit Leuten, die dieselben Behörden bis dahin als „Feinde“ ansehen mußten. Die Ernennung von James Watt zum Innenminister „ist so, als wenn der Wolf mit der Bewachung der Schafherde betraut wird“, meinte ein Sprecher des Sierra Club, einer Umweltgruppe in San Francisco. Watt ist von Hause aus Rechtsanwalt und seine Klientel waren Öl- und Minengesellschaften und deren Aktionäre. Deren Interessen hat Watt auch nicht als Innenminister aus dem Auge verloren. Anne M. Gorsuch – man nennt die Chefin der Umweltschutzbehörde EPA die „Eiskönigin“ – qualifizierte sich für diese Position als Mitglied des Parlaments von Colorado, wo sie sich als hartnäckige Gegnerin „übertriebener“ Umweltvorschriften profilierte.