Saul Bellows Ost-West-Roman-Reportage "Der Dezember des Dekans"

Von W. Martin Lüdke

Der Geburtstag des "lieben Dolphie" wird feierlich zelebriert. Es gibt unter anderem "Huhn à la Kiew", und die Gäste, gebildete Bürger der gehobenen Mittelschicht, stimmen aus vollem und "fröhlichen amerikanischen Herzen" in ein Ständchen für den gefeierten Jubilar ein. Dolphie, sichtbar erfreut, schnüffelt an den Geschenken, und Albert Corde, der Dekan, gerade mit seiner Frau Minna aus Bukarest von der Beerdigung seiner Schwiegermutter nach Chicago zurückgekehrt, sieht durchaus, daß sich in diesem gelungenen Fest "eine fast schon überständige Zivilisation" offenbart, ja er sieht in Dolphie, dem Hund seiner Schwester, sogar "das Große Tier der Apokalypse" und zugleich den zuverlässigen "Kameraden". Es bleibt also eine gewisse Zwiespältigkeit beim Dekan, und fast vierhundert Seiten liegen schon hinter ihm, auch beim Leser.

Ein Roman und doch – keiner, witzig, teilweise brillant, auch geschwätzig, weder, wie John Updike schrieb, Journalismus noch Literatur.

Ein Buch von und zugleich eines über Saul Bellow. So eitel wie gescheit. "Unser Mann", das schrieb vor Jahren Walter Busse, damals über "Humboldts Vermächtnis", "denkt, wenn er die Spülung zieht, an Heraklit". Diese Charakterisierung mag bösartig sein, doch sie trifft – auch über den "pompösen Langweiler" (Reinhard Baumgart) hinaus – einen Autor, der in den Slums von Chicago die kleinen schmierigen Mafiosi beschreibt und dabei mit Baudelaire und Shelley, Swinburne, Shakespeare, Rilke, Whitman und Wilde hantiert, der die dunklen Geschäfte mit noch dunkleren Gedanken verkleidet, von cleveren Tricks, kleinen Gaunereien und großen Verbrechen erzählt, der sich in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte ebenso auskennt wie in den verrotteten Backsteinbungalows der Südstadt von Chicago, der mit Hegel die Weltgeschichte, mit Klages und Rudolf Steiner ihren Verfall erklärt, der noch immer so erzählen möchte, wie Fontane einmal erzählt hat, der dort, in Chicago, erzählt wie hier Martin Walser, brillant und ausufernd, komischgrotesk und zärtlich/einfühlsam/unerbittlich und immer aus der Perspektive seines Helden, also aus der Perspektive des Scheiterns, der Skrupel und Bedenken, der Unsicherheiten, der ganzen Banalität des Alltags, der Gedanken, die sich solche Helden machen, über Gott und die Welt und den Alltag und, bei Bellow allemal, über die Kultur- und Bildungsgeschichte und das, was davon geblieben ist.

Saul Bellow, 1915 in Kanada geboren, in Chicago aufgewachsen, Soziologie-Professor und Literatur-Nobelpreisträger (1976), Jude und Repräsentant jener intellektuellen Elite der amerikanischen Ostküste, deren veröffentlichte Meinung die öffentliche Meinung Amerikas bestimmt, schreibt, worüber er auch schreibt, vor allem über seine eigene (das heißt: intellektuelle) Biographie.

Es ist ein imponierendes Panorama, das Bellow entworfen hat. Bereits sein erster Roman, "Der Mann in der Schwebe" (1944), umschreibt das Versprechen, das alle späteren Figuren einzulösen suchen: "Ich habe mir immer neue Bücher gekauft, zugegebenermaßen schneller, als ich sie lesen konnte. Aber solange sie mich umgaben, standen sie als Bürgen eines größeren Lebens, viel köstlicher und nötiger als jenes, das ich täglich zu führen gezwungen war. Wenn es schon unmöglich war, dieses gehobene Leben zu allen Zeiten aufrechtzuerhalten, so konnte ich doch wenigstens seine Zeugnisse in Reichweite aufbewahren."