Von Nikolas Delacroix

Delacroix: Arnulf Rainer, Sie sind heute mit knapp über fünfzig, Jahren ein international renommierter Maler, Österreich hat Sie auf der vorletzten Biennale in Venedig präsentiert, und jüngst traten Sie auf der documenta in Erscheinung, jetzt wurde Ihre Ausstellung der Hiroshima-Übermalungen eröffnet. Während der letzten Ausstellungs-Eröffnung bei der Galerie van de Loo in München hörte ich einen jungen Besucher zu seiner hilflosen Freundin sagen: "Das ist der Schizo-Maler!" Ich nehme an, das ist eher ein Kompliment für Sie. Aber wie sehen Sie selber Ihre Entwicklung?

Rainer: Das liegt im Geheimen. Mich interessiert die Entwicklung in Hinsicht auf die Distribution.

Delacroix: Wenn ich es recht sehe, haben Sie die unselige Trennung von "normal" und "verrückt" in Ihrer Arbeit aufgehoben. Sie sehen das Ausagieren der verschiedenen, oft disparaten Persönlichkeits-Schichten nicht als trauriges Privileg haben dann die englischen Lesestuben angeknüpft. Nicht, daß die so unsauber waren, sondern durch die Reproduktionen. Die Spinnen! In der Zentralgestaltung sind Spinnen ungeheuer wichtig. Auch Kleinwelt der Insekten und Lurche. Ihre die des Neurotikers, sondern als den Anfang von Kreativität.

Rainer: Das sind diese Gespinste in meinem Repertoire. Mir ist es gelungen, diese Gespinste zu materialisieren. Die zeichnerische Beschäftigung mit den Gespinsten, diese gespenstische zeichnerische Beschäftigung mit den Gespinsten hat natürlich die Folge, daß diese Gespinste im Innern wachsen. Die Gespinste vergrößern sich.

Delacroix: Sind diese Gespinste eine Antwort auf die Enttäuschungen der Politik, den dumpfen Gleichklang der "Schönen Künste", Reaktionen eines nicht nur ökonomisch bestimmten Wesens, das sich auf seine Quellen besinnt: die Lust, das Spiel, den Körper?

Rainer: Ja, Widerstände sind in jedem Menschen: Wer die Hose nicht aufkriegt, dem reißt der Knopf ab. Mir ist der Knopf aufgegangen mit siebzehn Jahren. Da hab ich Tag und Nacht gezeichnet. Ich hab damals gemalt... Bäume mit abgeschnittenen Ästen. Ich habe damals auch Bilder von Francis Bacon gesehen, aber ich kann das nicht so ausschließlich sagen. Ich hab’ sie nicht mal im Original gesehen. In den englischen Lesestuben im "Britisn Council". Die Engländer waren damals Besatzungsmacht in Kärnten, da hab’ ich die englischen Maler und auch Moore in einer Kunstzeitschrift gesehen.