In der evangelischen Pfarrkirche von Bad Teinach im Schwarzwald steht ein um wohl entstandener Flügelaltar, der in einem Kunstführer als ein "Unicum" bezeichnet wird, was wohl heißen soll, daß der Altar irgendwie seltsam ist, vielleicht sogar befremdlich wirkt.

In der Tat ist bereits die Darstellung auf den Außenseiten der Flügel ungewöhnlich: Ein langer Zug von festlich gekleideten und geschmückten Frauen bewegt sich, beginnend auf der Erde und dann dem Serpentinenpfad der Wolken folgend, in himmlische Höhen. Am Anfang des Zuges kniet eine besonders vornehme Dame, deren Mantel einige Schleppenträgerinnen halten, vor Christus, der eben dabei ist, ihr eine Krone aufzusetzen. Die Spruchbänder, die Engel über dieser Szene in Händen halten, teilen mit, daß der Vorgang nicht – wie naheliegend – als Marienkrönung zu verstehen ist, sondern als mystische Hochzeit der Seele mit dem himmlischen Bräutigam.

Darauf verweist auch der auf der Altarrahmung über dem Bild angebrachte Vers aus den Psalmen: "Habe deine Lust an dem Herrn; er wird dir geben, was dein Herz wünscht Der Vers ist in hebräischen Buchstaben geschrieben, unter den beiden letzten steht die Zahl 2005. Sie wiederholt sich auf dem eigentlichen Bildrahmen unten, überben ist eine weitere hebräische Inschrift, die übersetzt lautet: "Antonia, Prinzessin zu Württemberg und Teck". Wenn man weiß, was der doppelte Hinweis auf die geheimnisvolle Zahl bedeutet, daß nämlich der Zahlenwert des Psalmenverses und von Name und Titel der Prinzessin identisch ist (er errechnet sich aus der Addition der jedem Buchstaben zugeordneten Zahl), dann ist auch klar, daß das Ganze mit kabbalistischer Zahlenmystik zu tun hat. Nur, wer weiß das schon?

Wenn der Altar sich öffnet und den Blick freigibt auf die in vielen Einzelheiten genau erkennbare, insgesamt aber völlig unverständliche Darstellung des Hauptbildes, braucht man wie Dante einen Vergil, der einem den Zusammenhang erläutert. Die Frage, ob es überhaupt wert sei, sich für eine Augenwanderung durch ein ziemlich unbekanntes, höchst merkwürdiges und zudem nicht durchgehend gut gemaltes Kunstwerk einen Cicerone auszuleihen, erübrigt sich nach der Lektüre des Buches von –

Ernst Harnischfeger: "Mystik im Barock – Das Weltbild der Teinacher Lehrtafel"; Verlag Urachhaus, Stuttgart; 228 S., 69 teils farbige Abb.; 48,– DM.

Die Entschlüsselung des Bildinhalts macht deutlich, daß die "berüchtigte kabbalistische Lehrtafel" (so ein Betrachter im 18. Jahrhundert) wirklich ein Unikum ist, einmalig und einzigartig, ein Mikrokosmos, der vom Aufbau des Makrokosmos berichtet.

Die Darstellung auf der Innentafel ist nichts anderes als die Summe einer Theologie, die christliche Überlieferung mit neoplatonischen und kabbalistischen Gedanken verbindet. Eine Mischung, die an sich nicht ungewöhnlich ist (es gab da schon immer Querverbindungen), die aber hier zum Aufbau eines "Systema totius mundi" eigener Art dient. Dieser Entwurf der ganzen Welt führt zu einem prächtigen, kuppelüberwölbten Tempel. Wer diesen Weg beschreitet – die Prinzessin tritt gerade durch das Tor des Gartens – wird zum Eingeweihten. Das komplexe Bildprogramm, das Theologen ausarbeiteten (entscheidende Anregungen gab dabei der rosenkreuzerische Hofprediger Johann Valentin Andreae, der Verfasser der "Chymischen Hochzeit"), ist anagogisch, hinaufführend angelegt. Zunächst Christus, "der Sonnengeist", in der Mitte des Gartens, umgeben von den zwölf Söhnen Jakobs, den Tierkreiszeichen. Hier ist noch die Verbindung zur Sinnenwelt gegeben, die zwischen Garten und Tempel auf einer Mondsichel schwebende Gestalt symbolisiert Zaddik, den Vermittler – nun beginnt die Gedankenwelt, die Wirklichkeit des Geistes. Vorbei an den Säulen des salomonischen Tempels, Boas und Jachin (Weisheit und Wissen), betritt der Eingeweihte das Innere des Gebäudes. Er kommt nun in den Bereich der Seelenwelt, deren höhere Regionen durch die Kuppel versinnbildlicht werden. Auf ihrer Spitze ein Emblem mit den Buchstaben A, V und O – das meint Alpha und Omega, den Anfang und das Ende, und bezieht sich zugleich auf die Prinzessin, die diese Lehrtafel hat malen lassen: AntOnia Virgo.

Helmut Schneider