Fast jeden Tag werden neue Vorschläge zur Förderung des Aktiensparens gemacht. Alle haben sie den Nachteil, daß sie die Steuereinnahmen verkürzen werden. Also Subventionen für die Aktionäre? Das ist zur Zeit politisch nicht durchsetzbar.

Die Ausgangslage ist eindeutig: Die Eigenkapitalrendite der Kapitalgesellschaften ist auf vier Prozent gesunken, 1972 waren es noch 7,5 Prozent. Diese geringe Rate verhindert die Bildung notwendiger Eigenmittel. Die Eigenkapitalquote fiel deshalb seit 1965 von 30 auf 20 Prozent der Bilanzsumme. Finanziert wurde die Geschäftsausweitung vornehmlich über Fremdmittel. Was das in einer Phase hoher Zinsen bedeutet, haben die Unternehmensvorstände inzwischen ausreichend erfahren – aber auch die Banken, die ihrer Kundschaft bislang lieber Kredite einräumten, als sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Eigenkapitalverhältnisse in Ordnung zu bringen. Hohe Kreditverluste sind die Quittung für diese Politik.

Die ungenügende Ertragskraft vieler Gesellschaften hindert sie heute daran, sich neues Eigenkapital über die Börse zu besorgen. Zu niedrige Aktienrenditen und über Jahrzehnte stagnierende Aktienkurse haben die Aktie als Finanzierungsinstrument ins Abseits getrieben. Es fließt zur Zeit mehr auf den grauen Kapitalmarkt, in die diversen steuerbegünstigten Anlagen, als in neue Aktien.

Was kann getan werden, meine verehrten Leser, um die deutschen Sparer wieder mehr für die Aktie zu interessieren? Geboten werden muß einmal eine Rendite, die in etwa mit der festverzinslicher Papiere konkurrieren kann, aber auch die Aussicht auf stabile, ja möglichst steigende Kurse. Denn andernfalls ist der Erwerb risikoloser Rentenwerte sinnvollen

Wolfgang Engels, Professor an der Universität Frankfurt, schlug auf dem 8. Symposium zur Bankgeschichte vor, verstärkt das "Schütt-aus-holzurück’-Verfahren anzuwenden. Nach seiner Ansicht hat die Politik der Gewinnthesaurierung zur Unattraktivität der Aktie wesentlich beigetragen. Daß Vertreter der Unternehmen seiner These widersprechen, liegt auf der Hand. Die Selbstfinanzierung ist ein für die Vorstände bequemes Instrument. Sie macht unabhängig von den Aktionären, die mit entsprechend niedrigen Dividenden abgespeist werden können. Dies unter Hinweis, daß innen die Rücklagen ja auch gehören und ihre Anreicherung letztlich auch den Aktienkurs günstig beeinflussen wird. Das ist jedoch Theorie und nicht die Praxis. Eingehaltene Gewinne werden an der Börse anders bewertet als eine Ausschüttung, über die der Aktionär frei verfügen kann.

Hohe Dividenden führen zu hohen Kursen und erlauben bei Kapitalerhöhungen hohe Ausgabepreise für die jungen Aktien. Das dividendenfreudige Unternehmen kann sich also günstig refinanzieren, ein Vorteil, den die Untemehmensvorstände erst langsam zu begreifen beginnen.

Viel zu lange haben sie ihre Finanzierungserfordernisse allein unter dem Gesichtspunkt der Kosten gesehen. Auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Hamburg machte ihr Präsident, Gerhard Kienbaum, darauf aufmerksam, daß Eigen- und Fremdkapital keine gleichwertigen Kapitalgrößen darstellen. Denn tatsächlich hat Eigenkapital eine andere Qualität. In ertragsschwachen Zeiten braucht Eigenkapital nicht getilgt und auch nicht mit Dividenden bedient zu werden.