Von Karl Überla

DIE ZEIT gilt als seriös. Justin Westhoff hat als Pharmajournalist einen Ruf zu verlieren. Also muß an seinem Artikel in Nr. 45 der ZEIT vom 5. 11. 1982 "Falscher Herren Diener. Die merkwürdige Wandlung des Bundesgesundheitsamtes" etwas dran sein. Jedoch Herr Westhoff irrt.

Westhoff macht es sich zu einfach. In seinen Augen läßt das Amt einseitigen und forschen drive gegen die Industrie vermissen. Auf nichts anderes laufen die Vorwürfe hinaus. Der Respekt vor den Lesern erfordert einige Klarstellungen. Denn es ist auch ihre Gesundheit, über die wir im Amt zu befinden haben, und sie haben einen Anspruch darauf, zu wissen, daß wir nicht dem Druck und den Versuchungen unterliegen, die uns Herr Westhoff unterstellt. Wir treffen Entscheidungen nach sorgfältiger Ermittlung, gründlicher Überlegung und durchweg harter Diskussion im eigenen Hause und mit anderen Beteiligten.

Entscheidungen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes über Arzneimittel, Pflanzenschutzmittel und andere Chemikalien sind komplex und schwierig. Es ist leider nicht so einfach, daß nur die gesicherte Wirksamkeit eines Mittels gegen seine wahrscheinlichen Risiken abzuwägen wäre. Die Frage nach der Wirksamkeit auch gebräuchlicher und sogar anerkannter Mittel läßt sich nicht immer eindeutig und einhellig beantworten. Auf der Risikoseite befinden wir uns häufig zwischen diffusem Verdacht und konkreten, aber kontroversen Schadenswahrscheinlichkeiten.

Für eine Reihe von Krankheiten gibt es wirksame Mittel mit deutlichen, ernsten, manchmal lebensbedrohenden Risiken. Bei anderen Krankheiten gibt es bestenfalls eine Wirksamkeitserwartung, und dennoch sind die angewendeten Arzneimittel nicht ohne Risiko. Soll man von Amts wegen unterschiedslos dekretieren, daß Menschen unbehandelt zu leiden haben, bis ein sicherer Beweis der Wirksamkeit oder der Unbedenklichkeit geführt worden ist, über den sich die Wissenschaftler trotz lautstarker Auseinandersetzungen im Einzelfall nicht einig werden? Wir sind gesetzlich und moralisch verpflichtet, in diesen schwierigen Situationen Entscheidungen zu treffen, die die wissenschaftlichen Grundlagen unserer Arbeit respektieren, vernünftigen Überlegungen standhalten und den gesundheitlichen Bedürfnissen unserer Mitmenschen entsprechen.

Der Vorwurf, das Bundesgesundheitsamt klüngele mit der Industrie, ist aus der Luft gegriffen und im Detail durch nichts zu belegen. Warum sollte das Bundesgesundheitsamt nicht auch mit der Industrie sprechen? Soll das Bundesgesundheitsamt nur mit Herrn Moebius reden, der vom Arzneimittelskandal leben muß?

Das Zitat aus der Welt vom 4. 7. 1981 ("dem Interessenkonflikt" sei Überla "schon bisher nicht gewachsen" gewesen; Red.) ist unfair. In der Welt vom 16. 7. 1981 war folgende Gegendarstellung abgedruckt: "Zugleich stellt Überla fest, daß er weder bei der Zulassung noch bei der Rücknahme von Präparaten mitgewirkt habe, an denen er ein wirtschaftliches Interesse hatte oder für welche er vorher gutachterlich gegen Entgelt tätig war."