Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, eine internationale Vereinigung von 70 keineswegs nur katholischen Gelehrten, die den Vatikan in wissenschaftlichen Fragen beraten, hat kürzlich die Leiter der wichtigsten wissenschaftlichen Akademien der Welt nach Rom berufen, um ein Dokument zu beraten, das die Gefahren eines Nuklearkrieges schildert und mögliche Aktionen zu dessen Vermeidung vorschlägt. 33 Akademien folgten der Einladung – sechs davon kamen aus kommunistischen Ländern.

Das Dokument geht von der Bedrohnung durch die stetig anwachsende Zahl der Kernwaffen aus. Die Verfasser sind überzeugt, daß es keinen wirksamen Schutz gegen die verheerenden Folgen eines Atomkrieges gibt, der die Menschheit und unsere Zivilisation mit einem Schlag zu vernichten droht. Das Dokument beruht auf der Überzeugung, daß der atomare Krieg nur dann vermeidbar ist, wenn alle Konflikte politischer, ökonomischer und ideologischer Art, so groß sie auch sind, im Vergleich zu den Folgen eines atomaren Konflikts als unbedeutend angesehen werden. Hier müssen ethische und moralische Prinzipien mit rationalem Denken vereinigt werden.

Im Zeitalter der Atombombe darf der Krieg zwischen Atommächten nicht mehr als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet werden. Selbst die Androhung des Gebrauchs von taktischen Atomwaffen ist außerordentlich gefährlich, da diese Waffen die Schwelle zum Nuklearkrieg senken. Konflikte müssen durch Verhandlungen, durch Schiedsspruch oder durch andere friedliche Mittel gelöst werden.

In diesem Sinne fordert das Dokument alle Nationen auf:

  • Niemals Atombomben als erste zu verwenden.
  • Ein sofortiges Ende der Kriegshandlungen anzustreben im Falle, daß tragischerweise Kernwaffen doch eingesetzt werden sollten.
  • Die Entwicklung, die Produktion, die Ergänzung und die Planung eines weiteren Einsatzes von Kernwaffen zu unterlassen sowie die Zahl dieser Waffen wesentlich zu vermindern mit dem Endziel, sie vollkommen zu beseitigen.
  • Bestehende Waffenkontrollmaßnahmen einzuhalten und stetig Verhandlungen mit der Gegenseite weiterzuführen, um umfassendere Kontrollmaßnahmen zu finden, die die Zahl der Atomwaffen aller Art vermindern.
  • Jede Drohung oder Anwendung von militärischen Mitteln gegen andere Staaten zu vermeiden, damit ein konventioneller Krieg nicht in einen nuklearen ausartet.
  • Bessere Methoden zu finden, um die Weitergabe der Kernwaffen an andere Staaten zu verhindern. Hier sind die Supermächte gefordert, durch Verminderung ihrer Kernwaffen ein Klima zu schaffen, in dem atomare Rüstung auch anderen Ländern weniger wünschenswert erscheint.

Das Dokument verlangt von den Regierungen, das Schicksal der Menschheit insgesamt vor Augen zu haben und nicht nur kurzfristige nationale Vorteile in Betracht zu ziehen. Es fordert die Wissenschaftler auf, ihre Erfindungskraft auf Mittel zur Vermeidung des Krieges und auf praktische Methoden der Rüstungskontrolle zu richten. Es appelliert an die religiösen Autoritäten und andere Verfechter moralischer Prinzipien, den Völkern eindringlich die schicksalsschweren Folgen eines Kernwaffenkrieges und die daraus erwachsende Verantwortung vorzuführen. Endlich richtet sich das Dokument an alle Menschen mit der Bitte, das Vertrauen in die Zukunft der Menschheit zu stärken und den Glauben an die Unvermeidbarkeit des Atomkrieges zu bekämpfen.

Der Papst erschien persönlich am Ende der Verhandlungen und wurde über den Inhalt des Dokuments informiert. Er billigte ihn mit vollster Überzeugung und ermutigte zur sofortigen Veröffentlichung. Das Dokument bezeugt so die Übereinstimmung der höchsten Kreise der Wissenschaft aus aller Welt mit den Führungskreisen der katholischen Kirche.

Im Januar nächsten Jahres wird der Wiener Kardinal König eine Versammlung von führenden Vertretern aller Religionen, der christlichen und nichtchristlichen, einberufen, um zusammen mit den Wissenschaftlern, die das Dokument verfaßt haben, noch weitere Kreise in den Kampf gegen die nukleare Gefahr einzubeziehen.