Bei uns kochen alle – mehr oder weniger häufig, doch auf jeden Fall mit Lust und wachsendem Sachverstand. Als ich unlängst von einer Reise heimkam, empfingen mich Sophie mit Baisers (die leider für Breitmäuler geraten waren) und Cle mit einer Apfeltorte (die unter einer Rosinenschwemme litt). Ich wurde zur Prüfung gebeten, und es dauerte nicht lange, bis wir uns kauend in eine endlose Köcheldebatte verwickelten. Wieso der Eierschnee plötzlich eingesackt sei? Könnte nicht doch ein Löffelchen Zucker zuviel alles verdorben haben? Und helfen die Zibeben den Äpfeln nicht erst zum Aroma? Wenn wir soweit sind, Rezepte hochhalten oder verwerfen, kann es passieren, daß ich den Küchenmetaphern verfalle, den Schneebesen schwinge: Hört doch mal her! Was für ein wunderbar vieldeutiges Wort: Schneebesen. Der Besen, mit dem man Schnee schlagen kann. Schnee schlagen! Ist das nicht verrückt? Oder was stellt ihr euch unter einer Kasserolle vor? Eine rollende Kasse? Wenn’s die nur gäbe. Und wie glücklich stimmt uns ein Mörser, aus dem keine tötenden Granaten fahren, in dem man vielmehr, für lüsterne Nasen, Kräuter stößelt (nicht stößt, nicht stampft – es verstieße gegen den Sprachgebrauch meiner fulminant kochenden mährischen Großmutter).

Langsam aber sicher ziehen sich die Kinder zurück. Da dünstet Literatur aus dem Topf. Nicht auch noch in der Küche! Aber ich kann’s nicht lassen. Schließlich ist die Poesie spätestens seit Lukull, frühestens seit Grassens dreibrüstiger Aua mit der Kochkunst verschwistert: Sie weiß, daß nicht alles Fett ist, was glänzt. Und wer könnte besser eine Schwarte von einer Schwarte unterscheiden als ein büchernärrischer Küchenkundler?

Samstags darf ich an den Herd. Ich übe mich in Suppen, Eintöpfen, nicht allzu eingedickten. Alles jedoch ist mir nicht erlaubt. Kutteln darf ich nicht kochen, nicht auf schwäbisch, nicht auf italienisch, nicht auf französisch. Und Beuschel halten die Kinder schlicht für eine Zumutung: Wie kann man das, was dem Vertilgen dient, vertilgen? Also lasse ich’s, hoffe auf eine Bekehrung durch einen begnadeten Koch – das gemeinsame Küchenvergnügen will ich uns auf keinen Fall verderben.

Das fing früh an. Die Winzlinge begehrten nichts als Spaghetti. Die könnten sie auch selber kochen, fanden sie, noch nicht ahnend, was "al dente" bedeutet. Und das wiederum lernten sie "beim Italiener". Gäbe es Italiener, Spanier, Griechen, Franzosen nicht unter den Wirten, sechsköpfige Familien wären gestraft durch Unfreundlichkeit, Tische in finsteren Ecken und – im schlimmsten Falle – auch Ausweisungen.

Natürlich kennen wir auch deutsche Gasthäuser (vor allem im Süden unseres Landes), die Kinder nicht nur als Störfaktoren betrachten, doch es genügt, daß sie die zukünftigen Feinschmecker mit einem "Rotkäppchenteller" zu siebenachtzig dann doch strafen. Ihren ausländischen Kollegen fiele das bei Leibe nicht ein: Sie verwöhnen die Kinder mit frischen Salaten, zartem Fleisch, feinstem Lamm und natürlich mit Spaghetti.

Und jetzt endlich bin ich, da die Kinder essen, beim Thema: Kochbücher für Kinder. Vier haben wir gemeinsam studiert und auch einige Rezepte ausprobiert. Eines der Bücher legten wir zur Seite. Es ist ein Reprint, 1933 zum ersten Mal erschienen, und ging Sophie mit seiner Betulichkeit auf die Nerven. Auf solche Reime kann ich nicht kochen, meinte sie.

Also konzentrieren wir uns auf die drei anderen Bände, die Kinder tatsächlich zum Kochen anregen. Jedes auf seine Weise. Edith Schindler hat schon vor Jahren (bei Beltz & Gelberg) ein so einfaches wie anschauliches Rezeptbuch herausgebracht. Das neue mit dem saloppen Kannibalentitel "Koch mich – iß mich" ist nun die Großausgabe. Sie vergnügt und reizt von der ersten bis zur letzten Seite, von der Gemüsesuppe bis zum Süßen Brotauflauf. Jedes Gericht, genauer gesagt: die Entstehung eines jeden Gerichts, wird in Bild und Text vorgeführt. Die Köchler bekommen eine Vorstellung von Gegenständen und Mengen, von Arbeitsabläufen. (Denn ein bißchen Arbeit ist es ja auch...) Wir haben uns an Nudeln mit Tomatensauce versucht, waren glücklich, daß uns Basilikum, Rosmarin und Oregano vorgeschrieben wurden und aßen mit einem Kompliment für die Vorköchin. Sophie verlor im übrigen nie die Übersicht. Auch nicht beim Abschmecken.