"Phantasielösungen – Kleines Lehrbuch der Pataphysik", von Thomas M. Scheerer. Vor fünfundsiebzig Jahren, am 1. November 1907, ist Alfred Jarry gestorben. Zu seinen Lebzeiten schon war er als Schöpfer von "König Ubu" bekanntgeworden, erst postum dagegen erschien sein Roman "Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker" (deutsch 1968), für manche sein Hauptwerk. Es enthält Grundgedanken und Ansätze zu einer Wissenschaft, die keine sein will, eben zur Pataphysik. Ihre Symbole, allen voran die Große Spirale (die Ubu’sche "gidouille"), sind seit den zwanziger Jahren nach der Art freimaurerischer Erkennungszeichen weitergereicht worden und haben, innerhalb vor allem der französischen Literatur, eine gewisse Tradition geschaffen. 1948 schließlich wurde das "Collège de Pataphysique", das Kollegium Pataphysikum, gegründet, dessen Mitglieder bis heute einer strengen Hierarchie huldigen. Autoren wie Georges Perec, Raymond Queneau und Boris Vian haben ihm angehört, und bei ihnen und anderen stößt man immer wieder auf Äußerungen des pataphysischen Geistes – eines höchst subversiven Geistes, der weht, wo er will, und sich wie die Feuerzungen des Pfingstwunders bald auf diesen, bald auf jenen Kopf setzt: auch auf Köpfe der Vergangenheit, die von Jarry nichts haben wissen können, die aber von den Forschern des Kollegiums als Pataphysiker "ante litteram" erkannt worden sind. Was es mit diesem Geist auf sich hat, erklärt und erzählt Thomas M. Scheerer in seinem "Kleinen Lehrbuch der Pataphysik". Er informiert über die pataphysischen Periodika und über die Forschungen des Kollegiums; man erfährt, was "Potentielle Literatur" ist und mit welchen sprachkombinatorischen Verfahren sie sich herstellen läßt, findet auch eine Liste von hundert Pataphysikern. Außerdem bringt der Band pataphysische Texte von Jarry, Queneau und Irénée Louis Sandomir, dem Gründer und langjährigen "Vize-Kurator" des Kollegiums. In Deutschland haben sich früher Ludwig Hang, Eugen Helmlé und Klaus Völker um die Pataphysik verdient gemacht. Aus ihrer Zusammenarbeit ist 1972 der Jarry-Auswahlband "Der Alte vom Berge" hervorgegangen (Reihe Hanser 92), der auch einen Anhang zu der Frage "Was ist Pataphysik?" enthält. Scheerer erweitert nicht nur die Informationen über die Pataphysik und bringt sie auf den neuesten Stand, er stiftet auch zum pataphysischen Mit- und Selbermachen an und ruft im letzten Teil seines gehaltvollen und dimensionsreichen Buches das "Deutsche Institut für Pataphysische Studien" ins Leben, abgekürzt: DIPS. (CMZ-Verlag, Rheinbach-Merzbach; Auslieferung: Kölnstraße 193, 5300 Bonn 1; 133 S., 15,– DM.) Hanns Grössel

"Eine Art Unschuld", Roman von Jane Lazarre. Der Klappentext wirbt reißerisch: "Eine Liebesgeschichte ohne Lügen – anders als alle bisherigen Liebesgeschichten". Dabei handelt es sich bei diesem Roman um eine kleine, traurige Geschichte, die erzählt, was schon oft erzählt wurde und doch immer noch wehmütig machen kann: wie eine Liebesgeschichte endet, ohne je richtig begonnen zu haben, weil einer Angst hat vor der Veränderung, oder auch weil einer sich nicht entscheiden kann, gleichzeitig und doppelt liebt, wo Anspruch auf Einzigartigkeit verlangt wird. Vier Menschen, die verstrickt sind durch Liebeskomplikationen: Jeder erzählt die gleiche Geschichte, deswegen ist sie jedesmal ganz anders. Jane Lazarre beschreibt in ihrem ersten Roman genau, auch da, wo ihr noch die Worte fehlen; das ist manchmal peinlich, manchmal erhellend – fast wie im Leben. (Aus dem Amerikanischen von Gesine Strempel; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1982; 143 S., 26,– DM.) Manuela Reichart

"Zeit und Ort", Roman von Jurij Trifonow. Trifonows nachgelassener Roman hat drei Helden: den Ort Moskau, die Zeit seit 1937 und ein Schriftstellerleben, aufgefächert in eine Reihe verschiedener Schriftstellercharaktere. Die punktuelle Topographie läßt die emotional und symbolisch so stark befrachtete Stadt wie einen lebendigen Organismus erscheinen. Die Zeit umfaßt jene Jahrzehnte, in denen Revolution in Reaktion gezwungen wurde, Hoffnung von Millionen in Todesängsten zerrann und schließlich neue, bescheidenere Hoffnungen keimten. Der dritte Held, der Schriftsteller, Produkt von Ort und Zeit, verkörpert zugleich die Probleme, denen Schriftsteller aller Zeiten ausgesetzt sind. Dazu gehört die Angst vor dem eigenen Versagen, aber auch die Angst davor, sich der Lebensrealität zu stellen. Sie nötigt zu Kompromissen, zu Halbwahrheiten und mündet im selbstzerstörerischen Selbstbetrug. Diesen Prozeß variiert Trifonow am Lebensweg seiner Nebenpersonen. Die Hauptperson unterliegt diesem Mechanismus der Angst nicht, "die den Blick trübt wie grauer Star". Er scheitert jedoch mit seinem Lebenswerk, weil seine künstlerische Gestaltungskraft nicht ausreicht, "das Letzte auszuschöpfen bis auf den Grund". Er akzeptiert, daß ihm in der ihm zugemessenen Lebensspanne nicht gelang, "etwas zu vollbringen". Aber: "Nichts ist furchtbarer, als seinen eigenen Ort und seine eigene Zeit zu erkennen." (Aus dem Russischen von Eckhard Thiele; Bertelsmann, München, 1982; 324 S., 36,– DM.) Heddy Pross-Weerth