München: "Wien um 1900 – Graphik und Buchkunst."

Die Redaktion des "Ver Sacrum", der Zeitschrift, die der 1897 gegründeten Wiener Secession als publizistische Plattform diente, sah sich nach wenigen Heften zu einer offenbar notwendigen Klarstellung veranlaßt: Die Mitglieder dieser Künstlervereinigung strebten nach "Individualität", sie bewegten sich weg von der "ausgeborgten Stilform" und suchten ihre "eigene Sprache", folglich gäbe es keinen "secessionistischen Stil". In der Tat verband diese durchaus nicht homogene Gruppe anfangs nur die Absage an den Historismus und der Wille, moderne, also zeitgemäße, Kunst zu schaffen. Irgendwelche formalen Spielregeln waren nicht vereinbart, es galt das Motto, das über dem Eingang zum Wiener Secessionsgebäude stand: "Der Zeit ihre Kunst/Der Kunst ihre Freiheit." Und doch gab es über die individuellen Kunstentwürfe hinaus etwas Gemeinsames, das im nachhinein den um die Jahrhundertwende entstandenen Werken den Herkunftsstempel aufprägt. Das Verbindende ist eine ganz speziell Wienerische Dialektik von oraamentalisierenden und konstruktiven Tendenzen. Das Ornamentale, kontrolliert von geometrischen Überlegungen, wuchert nicht aus (die linearen Extravaganzen, die anderswo den Jugendstil kennzeichnen, fehlen); das Konstruktive, eingebunden in ornamentale Beziehungen, wirkt weniger streng. An Plakaten, architektonischen Entwürfen, Buchgestaltungen und -illustrationen läßt sich dieses auf Ausgleich zielende Spannungsverhältnis wahrscheinlich sogar besser erkennen als an den Hauptwerken der Künstler. Die Art, in der Alfred Roller auf einem Plakat für eine der Ausstellungen der Secession die über die ganze Bildfläche ausschwingenden S-Linien in Elemente der Bildtektonik umdeutet, steht in einem Wechselverhältnis zu dem Verfahren, das Josef Hoffmann bei der Gestaltung eines Bucheinbands anwandte: Hier ist das quadratische Titelfeld so in eine dekorativ-abstrakte Umgebung eingesetzt, daß die rechtwinklige Form zum Bestandteil der ornamentalen Gesamtrechnung wird. (Museum Villa Stuck bis zum 30. Januar 1983; Katalog 15 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Yves Tanguy – Europäische Retrospektive" (Staatliche Kunsthalle bis 2. 1. 1983, Katalog 38 Mark)

Berlin: "Kunst wird Material" (Nationalgalerie bis 5. 12., Katalog 35 Mark)

Berlin: "Zeitgeist – Internationale Kunstausstellung Berlin 1982" (Martin-Gropius-Bau bis 16. 1. 1983, Katalog 38 Mark)

Duisburg: "Alexander Rodtschenko und Warwara Stepanowa" (Wilhelm-Lehmbruck-Museum bis 3. 1. 1983, Katalog 28 Mark)