Von Michael Stürmer

In der Suche nach dem Glück lag das Erbe des 18. Jahrhunderts an die kommenden Generationen. Es reicht so weit, wie es umstritten bleibt. Wenn aber das Streben nach Glück dem Menschen angeboren ist, wie damals zu hören war, und wenn die freie Entfaltung seiner Kräfte ihn zu bürgerlicher Urteilskraft befähigte, und wenn erst das Recht auf Arbeit, das der Aufgeklärte Absolutismus entdeckte, den Menschen tauglich machte zum Citoyen, dann war es Aufgabe der Staaten, war es Maßstab und Rechtfertigung der Regierungen, der Herstellung des Glücks zu dienen. Als die Heilserwartung der Religion auf die Erde herabstieg, entstand der Anspruch auf irdisches Glück. Es begann die lange Geburtsstunde der modernen Ideologien.

Mit der Idee des Glücks entstand die Vorstellung seiner Herstellbarkeit. Da die Mehrheit in Unmündigkeit verharrte, nutzten die Aufklärer die Chance der neuen Priesterkaste. Sie taten es, von guten Absichten beseelt, in den auf allgemeinen Nutzen gerichteten Gesellschaften, einer weltbürgerlichen republique des lettres deren Aufstieg und Niedergang die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erfüllte. Es gab mehrere hundert Sozietäten in Europa und Amerika, wenn man die Tochtergesellschaften hinzuzählt. Kaum eine Großstadt jener Zeit – was ungefähr 10 000 Einwohner bedeutete – war ohne solche Gesellschaft. Man schrieb Briefe, wählte Mitglieder, lobte Preise aus, publizierte Zeitschriften geringer Auflagenhöhe und verhalf dem "tintenklecksenden Saeculum" zu seiner Reputation. Zufall war es nicht, daß um 1770, als der Schatten von Massenhunger und Bürgerkrieg sich auf Alteuropa legte, die Sozietätsbewegung ihren Höhepunkt erreichte.

Die Schweiz war ein Zentrum der Sozietätsbewegung, und so ist es ein Fachmann der Schweizer Geschichte, der die erste Gesamtdarstellung vorlegt – kundig, übersichtlich und sehr lesbar:

Ulrich Im Hof: "Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung"; Verlag C. H. Beck, München 1982; 265 Seiten, 58,– DM.

Seit Reinhart Kosellecks scharfsinniger, vor über zwanzig Jahren erschienener Studie "Kritik und Krise – Zur Pathogenese der bürgerlichen Welt" ist die Faszination des Themas ungebrochen. Denn das intellektuelle Dilemma blieb: die wirkliche Welt an einem Maßstab zu messen, der so scharf ist, wie er sich der Wirklichkeit entzieht.

Stellte Koselleck alles unter die Hypothese des Bürgerkriegs und sah das 18. Jahrhundert als "Vorraum des gegenwärtigen Zeitabschnitts", so sieht Im Hof in den Sozietäten ein Element der Vermittlung, der bessernden Reform, der kleinen Schritte. Ihn interessiert mehr die Heilkraft der Sozietäten als ihre Sprengkraft. Seine These: "Sozietätsbildung ist dort, wo Freiräume möglich sind, nach wie vor ein Mittel menschlicher Kommunikation und menschlicher Wirksamkeit. Andererseits haben die Sozietäten des 18. Jahrhunderts ihren eigenständigen Charakter und ihre eigene Funktion innerhalb der Gesellschaft dieses Jahrhunderts, als politische Erscheinung, als wissenschaftliche Leistung und als soziale Aufgabe. In der sozialen Aufgabe liegt die ethische Bedeutung der Sozietätsbewegung, in ihr wird Utopie zur Reform."