Von Klaus Jeziorkowski

Es gibt nun ein gut 700 Seiten starkes Buchüber Karl Krolow, und daß das Beschreiben und Bedrucken von so viel teurem Papier zu diesem Thema möglich ist, das ist ein Indiz für zwei unanfechtbare Tatsachen: Lyrik hat seit einiger Zeit Konjunktur, und Krolow ist unübersehbar in das Klassiker-Stadium der Rundum-Würdigung eingetreten. Nachdem so wahrhaft Große der Lyrik wie Paul Celan, Günter Eich und Ernst Meister nicht mehr da sind, ist es vor allem Karl Krolows Schultern aufgeladen, die beeindruckende Konstanz und Kontinuität deutscher Lyrik seit den vierziger Jahren, vor allem also der Nachkriegslyrik, anschaubar zu machen. Welch ein Werk! Welch ein Kompendium des folgerichtigen lyrischen Arbeitens, wenn man darunter nicht Ächzen, Stöhnen und Schnaufen mit nasser Denkerstirn versteht, sondern die Kunst, die gewaltige Mühe vergessen zu machen in der substanzreichen Anmut und Luftigkeit des Gebildes aus Wörtern. Ich kenne niemanden in Deutschland, der diese Meisterschaft des Wagens und Experimentierens mit dem Stellen der Schrift und der Wörter in ähnlich systematischer Anmut Schritt für Schritt ausweitet wie der nun siebenundsechzigjährige Krolow, unser Merlin vom Park Rosenhöhe, der in aller Stille Darmstadt zu einer der literarischen Hauptstädte unseres Landes gemacht hat.

Zum Fünfundsechzigsten, wenn normale Leute, wie es so schön heißt, "in Rente" gehen, bekam Karl Krolow, der sich noch lange nicht zur Ruhe setzen wird, von Rolf Paulus auf 706 Seiten den Spiegel vorgehalten. Gute 250 Seiten des Buches bieten eine Bibliographie der Schriften, die im engeren und auch in einem relativ weiten Sinne mit Krolow zu tun haben. Sie widerlegen mögliche Befürchtungen, Krolow könne ein Vergessener oder Übersehener sein.

Zieht man weitere 160 Seiten für Anmerkungen, Lebenstafel, mehrere Register ab, so bleiben noch rund 280 Seiten Text, auf denen Paulus die lyrische Katze streifenweise aus dem Sack läßt – um Peter Rühmkorf aus seinen Frankfurter Vorlesungen "Über den Reim" zu zitieren.

Um es gleich zu sagen: Es ist die bekannte Katze, die freilich, weil sie bekannt ist, nicht schlechter wird. Paulus greift Krolow bei dessen sichtbarster offener Flanke: der "Offenheit" seiner Gedichte. Wenn auch sie nicht der einzige Aspekt seines Werkes ist, so kommt Paulus hier doch auf eine Qualität Krolows zu sprechen, an der man seine Gedichte weithin identifizieren kann. Paulus zeigt, wie Krolow Offenheit durchprobiert, wie er Leichtigkeit so trainiert, daß die zugehörige Mühe und Arbeit sich im Gebilde gegen die Schwerkraft aufhebt, im Wortsinn. Krolows Intention ist es, luftige Gedichte zu schreiben, poröse, durch die der Wind geht und die dennoch von der Festigkeit der Spinnennetze sind und wie sie der Schönheit abstrakter Figurationen und dem Fang von Erkenntnis hingegeben. Jene luftige und klare Offenheit Krolowscher Gedichte widerlegt die Mär von der notwendigen Hermetik, also Zugeknöpftheit moderner Lyrik. Krolows alltägliche Gedichte – so heißt einer seiner Gedichtbände – korrespondieren mit ihrer Umgebung, mit der Einsicht des Lesers, ohne je zum trivialen Straßengesang zu degenerieren, zur Bankelschnulze, zum rhythmisierten Flugblatt. Davor bewahrt sie ihre kühne Abstraktheit, die hannoversch-leibnizische Differenziertheit und Kühle.

Diese luftigen, porösen, nach Art der Spinnennetze zugleich konkreten und abstrakten Gebilde sind wegen ihrer Offenheit fast zwangsläufig im weitesten Sinne politisch, also nicht zugesperrt vor den Erfahrungen und Redeweisen ihrer Zeit. Mir scheint es deshalb unnötig und überflüssig, daß Paulus nun eigens versucht, bei Krolow das politische Gedicht im spezifischen Sinne nachzuweisen. Das befördert das Kästchendenken – hier die politische Sektion und dort die Gedichte über Regenwürmer und Zirruswolken –, und es ignoriert die grandiose Tatsache, daß Krolows spätere Gedichte von den sechziger Jahren an in all ihrer kühnen Abstraktheit der Zeit offenstanden, im besten Sinne Zeitgedichte, alltägliche Gedichte sind, hellwache Texte eines sensiblen citoyen.

Zugunsten dieses thematisch orientierten Schubladenverfahrens muß Paulus beinahe zwangsläufig ignorieren, welch unerhörter Wandel in der Lyrik Krolows während der sechziger Jahre vor sich geht, vereinfacht: der Übergang von der Naturlyrik zum Zeitgedicht.