Von Adalbert Elschenbroich

Ein Antiquar, der ein vollständiges Exemplar der "Frauenzimmer Gesprächspiele" von einem "Mitgenossen der Fruchtbringenden Gesellschaft" (Nürnberg 1643-1657) ausfindig gemacht hatte und dieses auf der 21. Stuttgarter Antiquariatsmesse im Januar 1982 für 26 000 Mark verkaufen wollte, versah sein Angebot im Katalog mit dem Vermerk "Dünnhaupt S. 785,8. Ia ff.". Er und der Verband deutscher Antiquare hielten diese Sigle offensichtlich für bereits so bekannt, daß sich eine Auflösung erübrige, obgleich das mit ihr bezeichnete Werk erst seit wenigen Monaten vorliegt.

Gemeint war: Gerhard Dünnhaupt: "Bibliographisches Handbuch der Barockliteratur", Zweiter Teil, Stuttgart 1981. Don sind auf S. 784 ff. in der chronologisch angeordneten Personalbibliographie zu Georg Philipp Harsdörffer als 8. zeitgenössischer Druck dieses Autors unter dem Jahr 1641 die acht von 1641-1657 erschienenen Bände dieser "Enzyklopädie der gesellschaftlichen Unterhaltungen und Spiele des Barock" Band für Band (I-VII) nur ihren vollständigen Titeln nach Autopsie bibliographiert und mit einheitlichen Kollationierungsangaben versehen. Von jedem Kaufinteressenten konnten so die im Antiquariatskatalog notwendigerweise gekürzten Angaben im vorhinein überprüft werden. Wechselseitige Unterstützung zwischen Bibliograph und Antiquar, die, wie sich aus Dünnhaupts "Einführung" ergibt, schon während der Vorbereitung des Handbuchs hilfreich war, bewährte sich damit alsbald auch in der Praxis.

Bei den Literarhistorikern herrschte bislang Unentschiedenheit, wenn nicht gar Ratlosigkeit in der Frage, wie man auf absehbare Zeit zu einem bibliographischen Hilfsmittel gelangen könne, das der fast zu rasch sich ausbreitenden Barockforschung gesicherte Grundlagen verschaffen solle. Noch immer war man auf Goedekes "Grundriß" angewiesen, dessen dritter. Band zu einer Zeit, da Barockliteratur wenig galt, eine hervorragende Leistung darstellte (1887), den heutigen Kenntnisstand aber in keiner Weise mehr widerspiegelt. Die Vorschläge reichten von einer mehrfach erwogenen und wieder verworfenen Neubearbeitung des "Goedeke", über personale und thematische Monographien, regional begrenzte Zentralkataloge, Bestandsverzeichnisse großer Bibliotheken und privater Sammlungen bis zu reprographischer Kompilation aus alten Gesamtbibliographien. Einig war man sich nur in einem Punkte: daß nämlich solche Unternehmungen heutzutage nicht mehr, wie noch zu Goedekes Zeiten, von einem einzelnen Bearbeiter, sondern nur noch als "team-work" zustande gebracht werden könnten.

Kaum beteiligt an diesen Diskussionen war Dünnhaupt. Während sie liefen, entstand sein "Bibliographisches Handbuch". Ohne "team" und ohne den gleichfalls heute für unentbehrlich gehaltenen organisatorisch-technischen Apparat. Auf Bibliotheksreisen durch zehn Länder, unterstützt nur von weiträumiger privater Korrespondenz. Das Ergebnis legt nun nach überraschend kurzer Zeit in drei monumentalen Bänden vor und wird neben staunender Bewundererung gewiß auch seine Kritiker finden.

Zu hundert Autoren findet man Einzelbibliographien, die bei der Erfassung der zeitgenössischen Drucke Vollständigkeit anstreben. Die Auswahl erhebt keinen absoluten Geltungsanspruch; es wäre falsch, aus ihr zu folgern, bei den unberücksichtigt gebliebenen Autoren lohne sich nach Meinung des Verfassers ein derartiger Arbeitsaufwand nicht. Gegenwärtige Forschungsschwerpunkte fielen ebenso ins Gewicht wie auffällige Vernachlässigungen; auch die persönlichen Interessen und Vorarbeiten des Verfassers spielten berechtigterweise mit. Mag die Reihe der Aufgenommenen auch von A – Z reichen, Abgeschlossenheit sollte dadurch keinesfalls suggeriert werden. Im Gegenteil: Es ging um eine Bewährungsprobe für generell einzuschlagende Verfahrensweisen. Nicht mehr nur thesenhaft vorgetragen, sondern erfolgreich praktiziert, fordern sie geradezu die Weiterführung heraus. Dünnhaupt deutet selbst an, daß diese bereits im Gange ist.

Aber auch unabhängig davon, ob noch ein zweites Mal Barockliteratur von A – Z in vergleichbarem Umfang ans Licht treten kann, gehört es zu den offenkundigsten Vorzügen des Dünnhauptschen Werkes, daß seine Anlage geeignet ist, Modellcharakter zu gewinnen. Von ihr können sich künftig auch Einzelunternehmungen anderer Bibliographen leiten lassen. Orientierungshilfen nehmen dem Benutzer gleich zu Anfang die Furcht vor verwirrender Fachterminologie und entmutigender Fülle des Titelangebots. Mehrere vorangestellte Verzeichnisse bieten neben Auflistungen auch Erläuterungen. Das geschieht mit so natürlichem didaktischen Geschick, daß schon Studienanfänger auf diesem Weg Anleitung zu selbständigem Bibliographieren erhalten können. Die Register dienen zusätzlich der Buch-, Verlags- und Bibliotheksgeschichte. Soweit immer möglich, beruhen die Titelaufnahmen auf Autopsie; bis zu vier Standorte sind vermerkt, der des kollationierten Exemplars markiert. Wenn ältere Bibliographien vorliegen, wurden diese ausgewertet, berichtigt und ergänzt. Wo die Umstände dazu zwangen, ihre Angaben unüberprüft zu übernehmen, hängt deren Zuverlässigkeit natürlich von dem Vorgänger ab. Viele Bibliographien mußten überhaupt erstmalig oder von Grund auf neu erstellt werden. Neudrucke und Fachliteratur sind in Auswahl verzeichnet, stichwortartige Werkcharakteristiken vielfach beigegeben. Kurzgefaßte Biographien gehen jeweils voran.