Die Mitglieder der Stuttgarter Landesregierung wollten ein Zeichen setzen: Laut Kabinettsbeschluß werden alle Minister im kommenden Jahr ihren Urlaub innerhalb der Grenzen des "Musterländle" verbringen. Das Geld bleibt in der Heimat, man besorgt den eigenen Wählern ein bißchen Arbeit. Wenn das Beispiel Schule macht und wieder mehr Bundesbürger Urlaub in deutschen Landen machen, dann profitiert davon nicht nur die deutsche Fremdenverkehrswirtschaft. Auch die Devisenreserven der Bundesbank werden geschont. Immerhin geben deutsche Touristen in jedem Jahr mehr als vierzig Milliarden Mark jenseits der Grenzen aus.

So soll es wohl gesehen werden. Man kann es aber auch ganz anders sehen. Und dann entpuppt sich das, was die Regenten von Baden-Württemberg so publikumswirksam verkündet haben und wohl als patriotischen Beitrag zur Überwindung der Wirtschaftskrise verstanden wissen möchten, in Wirklichkeit als wahrer Schwabenstreich.

Man könnte den törichten Beschluß unter dem Stichwort "Provinzposse" zu den Akten legen, wenn er nicht einem Denken entspringen würde, das sich heute in gefährlichem Tempo ausbreitet – nicht nur im Schwabenlande, nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch innerhalb der Europäischen Gemeinschaft und jenseits des Atlantik.

Weil es an Mut und innovativen Ideen im Kampf gegen die Wirtschaftskrise fehlt oder der Druck der Interessenverbände und Gewerkschaften übermächtig wird und alle guten Vorsätze und Einsichten verdrängen, kurieren die Regierungen vorwiegend an den Symptomen herum. Sie versuchen, durch immer höhere Subventionen veraltete Strukturen zu erhalten; sie vergessen die üblen Erfahrungen mit dem Protektionismus und bemühen sich darum, mit allerlei Tricks fremde Produkte von den eigenen Märkten fernzuhalten; sie ermuntern dazu, auf importierte Güter und Dienstleistungen zu verzichten.

Die Biertisch-Politik, die Ministerpräsident Lothar Späth und seine Kabinettsmitglieder als ihren Beitrag zur Krisenbewältigung vorführen, liegt genau auf dieser Linie.

Natürlich kann jeder darüber entscheiden, wo und wie er seinen Urlaub verbringen will. Und wenn ein Ministerpräsident wie Späth, der im Laufe des Jahres so viele offizielle Auslandsreisen in seinen Terminkalender geschrieben hat, wenigstens im Urlaub zu Hause bleiben will, so ist dies durchaus verständlich. Doch wenn er daraus gleich eine PR-Aktion macht, dann bekommt dieser Entschluß eine andere Qualität. Es ist dann eben keine rein private Entscheidung mehr, sondern eine politische Aktion.

Viele der angeblich so notwendigen dienstlichen Auslandsreisen der Stuttgarter Politiker dienen doch dazu, das Auslandsgeschäft der heimischen Unternehmen zu fördern. Da macht es sich dann besonders gut, wenn man selber die Taschen zuhält. Oder weiß Lothar Späth nicht, wie stark unsere Nachbarn auf die Einnahmen aus dem Reiseverkehr angewiesen sind?