Von Hans-Jürgen Heise

Rafael Alberti, der am 16. Dezember achtzig Jahre alt wird, sprach in seinem Gedichtband "Matrose an Land" davon, daß sein Herz gleichermaßen der Stadt und dem Land zugetan sei. Diese Balance des Gefühls, die ihn in die Lage versetzt hatte, sein intensives und bilderreiches Frühwerk zu schreiben, ging in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre verloren. Die nautischen und naturhaften Sujets traten zurück. Und auch die Liebe, das bewegende Moment vieler Verse, hörte auf zu inspirieren.

Der Dichter, mit "Marinero en tierra" augenblicklich anerkannt und schon 1925 mit dem spanischen Nationalpreis für Literatur ausgezeichnet, war in eine Zwickmühle geraten, deren Gründe er allzu gut kannte: Liebeskummer, soziale Misere, Verständnislosigkeit der Angehörigen, Haß auf die beruflich abgesicherten Lyrikerkollegen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Werk und, nicht zuletzt, ein nagendes Rivalitätsdenken Federico Garcia Lorca gegenüber, seinem großen Kontrahenten, der das Erbe der andalusischen Metaphern- und Landschaftsdichtung noch besser zu nutzen verstand als er, bei dem von Anfang an das Formale und Spielerische stärker im Vordergrund gestanden hatten.

Was zunächst als Albertis besondere Gabe erschienen war, seine artistische Fingerfertigkeit, erwies sich inzwischen eher als Handikap. Zu leicht gerieten dem maritimen Illusionisten seine Verse, die er immer routinierter abspulte. Da gebot sich der Autor schießlich selber Einhalt und mißkreditierte pauschal alles Volkstümlich-Andalusische, mit fragwürdigem, pauschalem Gewinn und sehr zum Schad en García Lorcas und einiger anderer Dichter. Denn in jeder Phase kosmopolitisch-urbanistischer Kunsttendenzen hatten die Regionalisten längst einen schweren Stand, weil gewisse Nordspanier wie Buñuel, Dalí und der unbedeutende, aber quirlige Pepin Bello die Kunst immer stärker nach Paris ausrichteten und den französischen Surrealismus zum Maß aller Dinge zu machen trachteten.

Auch García Lorca ist damals dem Druck seiner frankophilen Freund-Feinde für eine gewisse Zeit erlegen. Doch während er nach ein paar Jahren der Verstörung, in denen er in die USA und nach Kuba auswich, seine Liebe zum Andalusisch-Bodenständigen immerhin als Dramatiker zu retten wußte, ließ sich der weniger verwurzelte Alberti ganz und gar aus der südlichen Themenwelt vertreiben, der er seine besten Texte verdankte.

Das Atmosphärisch-Regionale wurde nun, in einer Art Flucht nach vorn, von Alberti sogar verhöhnt und bekam jegliche Authentizität abgesprochen: "New York ist auch in Cádiz und in Puerto, / Sevilla in Paris, in Island oder in Persien. / Ein Chinese ist kein Chinese. Und ein Transitpassagier / mag ebensogut weiß sein wie grün und schwarz ..." So hatte es schon im Schlußgedicht von "Kalk und Gesang" geheißen, einer reizvollen, doch widersprüchlichen Vers-Sammlung, die 1926 und 1927 entstand, aber erst 1929, im Erscheinungsjahr des Bandes "Über die Engel", publiziert werden konnte.

Die "Engel"-Gedichte waren Ausdruck und Abbildung von Albertis wachsender Verzweiflung – in gewisser Weise sind sie in ihrer negativen Theologie eine Regression des einstigen Zöglings der Jesuiten-Anstalt San Luis Gonzaga im Geburtsstädtchen Puerto de Santa Maria. Alberti, der erschrocken feststellte, daß ihm die Bläue der heimatlichen Bucht von Cadiz keine Illuminationen mehr schenkte, griff die Inhalte seiner katholischen Erziehung auf und wandelte sie polemisch ab. Er verleugnete sein Andalusiertum, bezeichnete sich 1929 der Gaceta Literaria gegenüber als "Norweger aus Intuition", und gleich in den Eingangsterzinen von "Über die Engel" sprach er vom erlittenen Verlust: