Von Wolfgang Gehrmann

Die Patientin hatte Glück: Im Krankenhaus war – ein seltener Fall – gerade kein Bett mehr frei. Nach der Nasenoperation, die plötzlich vor dem eigentlich geplanten Termin nötig geworden war, konnte sie deshalb nach Hause gehen und sich dort drei Tage lang auskurieren. Ursprünglich hatte der Arzt vorgesehen, sie ebensolange im Krankenhaus zu behalten.

Fälle wie dieser – es gibt sie zuhauf – zeigen, daß unverdrossen in deutschen Spitälern Patienten ohne Not im Bett gehalten werden. Zwar wird im Durchschnitt jeder Sieche heute schon nach fünfzehn Tagen aus dem Krankenhaus heimgeschickt – vor zehn Jahren waren es noch achtzehn Tage. Doch sind auch fünfzehn Tage zu lang. In den USA zum Beispiel werden Krankenhauspfleglinge in der Regel nach zehn Tagen entlassen.

Daß deutsche Patienten ins Bett gedrängt werden, hat nicht medizinische, sondern ökonomische Gründe. Die Hospitäler werden für ihre Leistungen pauschal entlohnt. Kosten für den Arzt, für Unterbringung, Verpflegung, Medizin, Verbände, Labordienste und andere technische Verrichtungen – alles wird zusammengelegt und den Krankenkassen in täglichen Pflegesätzen berechnet.

In den ersten Tagen des Klinikaufenthalts verliert das Krankenhaus deshalb Geld am Patienten: Die tatsächlichen Kosten für Operation und anfangs meist intensivere ärztliche Bemühungen sind höher als der Pflegesatz. Nachher, wenn der Patient in der Genesungsphase nur noch leichte Pflege braucht, kostet der Dienst an ihm weniger, als das Krankenhaus mit dem Tagessatz einnimmt. Resultat: Je länger der Kranke im Bett bleibt, desto besser für das Krankenhaus und desto schlimmer für die Krankenkasse, die alles bezahlen muß.

Jahrelang galt Kassen und Gesundheitspolitikern deshalb als der Weisheit letzter Schluß, daß nur der Aufenthalt der Patienten in der Klinik verkürzt werden müsse, um den drohenden Zusammenbruch der Krankenhausfinanzierung abzuwenden. Die Bettzeit schrumpfte, doch die Kosten stiegen weiter, schneller und schneller.

Lag der durchschnittliche Pflegesatz im Akutkrankenhaus vor einem Jahrzehnt noch unter sechzig Mark, so übersteigt er heute schon in vielen Fällen zweihundert Mark. Alles in allem müssen die Krankenkassen für die Klinikbehandlung ihrer Mitglieder jährlich rund dreißig Milliarden Mark hergeben. Das ist der weitaus dickste Batzen, der in unserem kostspieligen Gesundheitswesen in einem Bereich zusammenkommt.