/ Von Theo Sommer

Der Schock kam im Oktober 1977. Die riesige sowjetische Interkontinentalrakete vom Typ SS-19 hob vom Versuchsgelände Tjuratam in Kasachstan ab. Die erste und die zweite Stufe lösten sich schon nach wenigen Sekunden. Die dritte – mit sechs Sprengköpfen das dicke Ende der Rakete – nahm Kurs auf die 6000 Kilometer entfernte Halbinsel Kamtschatka. Über dem Ochotskischen Meer wurden die sechs Dummy-Projektile ausgestoßen. Dreißig Minuten nach dem Raketenstart schlugen sie im Zielgebiet ein.

Ein amerikanischer Aufklärungssatellit aus der Serie DSP 647 registrierte wie üblich den Start. Die US-Radarstationen Klarabad und Kabkan im vorrevolutionären Iran verfolgten die ersten Flugphasen. Ein gigantischer Radar-Dom, den die U.S. Air Force auf der Aleuten-Insel Shemya unterhält, zeichnete die Ausstoßung der Sprengköpfe auf. Ein Rhyolite-Satellit überwachte die elektronischen Signale der sowjetischen Steuerungscomputer, ein Photosatellit nahm die Einschlagstellen auf. Für die Auswertung der Raketen-"Fußstapfen" brauchte ein Team von Experten in Washington mehrere Wochen. Im Dezember schlugen sie in einem streng geheimen Memorandum an den CIA-Chef Stansfeild Turner und den Verteidigungsminister Harold Brown Alarm.

Die Alarmglocken von damals sind noch heute zu hören. Sie haben Ronald Reagan angetrieben, jetzt für 65 Milliarden Mark hundert neue Mammutraketen anzuschaffen – wenn der Kongreß mitmacht. Sie haben die Schreckensvorstellungen ausgelöst, die heute noch durch die Welt geistern: daß die Sowjetunion die nukleare Überlegenheit über die Vereinigten Staaten errungen habe. Und sie klingen schrill in die gegenwärtige Debatte hinein, ob in immer weiterer Aufrüstung wirklich das Heil der Menschheit liegen kann.

Damals, Ende 1977, erschreckte die Schlußfolgerung seiner Fachleute den Präsidenten Carter: Die sowjetischen Fernraketen hatten ihre Zielgenauigkeit im Laufe von wenigen Jahren verdoppelt. Sie wurde nun für die schweren Typen SS-18 und SS-19 mit etwa 260 Meter angegeben. Carter wußte: Bis 1981 wollten die Sowjets 308 SS-18 aufstellen, deren jede zehn Sprengköpfe trägt, und die ersten Lose von 550 SS-19 (je 6 Sprengköpfe). Es war ihm auch klar, was die Meldungen aus Kamtschatka bedeuteten: daß nämlich die Sowjets sich die Fähigkeit zulegten, die 1054 amerikanischen Interkontinentalraketen zu zerstören, die in den unterirdischen Silos des Mittleren Westens verbunkert waren. Das Rückgrat der amerikanischen Abschreckungsmacht schien bedroht.

Mit einem Male stellte sich das Projekt MX – Missile Experimental, Versuchsrakete – in einem ganz anderen dringlichen Licht dar. Es war seit Anfang der siebziger Jahre auf den Reißbrettern herangereift und 1974 beschlossen worden. Von vornherein hatten die Pentagon-Planer an eine bewegliche Rakete gedacht, die durch das Land transportiert werden sollte – auf Lastwagen, Leichtern, Transportflugzeugen; 460 wollte die Air Force ursprünglich haben. Die Vereinigten Staaten sollten auch nach einem sowjetischen Überraschungsangriff nicht entwaffnet, nicht wehrlos dastehen, sondern hart und präzise zurückschlagen können, auch vom Festland aus.