Die Revolutions-Architekten Boullée und Ledoux haben vor zweihundert Jahren Gebäude in Gestalt von riesenhaften Kugeln entworfen, der eine, um Newtons Weltbild zu feiern, der andere, um eine Totenstadt zu krönen. Der Russe Nicolai A. Ladovsky zeichnete 1919 ein Gemeinschaftshaus als spitzes Turmhochhaus, das er gleichsam in Bandscheiben geschnitten und verschoben hat.

An der Nationalstraße 2 südlich von Tokio haben wunderliche Architekten ein zweigiebeliges Kaffeehaus "auf Kopf" gebaut und es mit den Dächern leicht in den Boden einsinken lassen.

Und aus Amerika kennt man die "Best"-Kaufhäuser der Architektengruppe SITE (deren Abkürzung auf deutsch etwa "Skulptur im Land- und Stadtbild" heißt): zwar lauter platte, ungestalte Kästen, wie sie die Vorstadt- und Gewerbegebiete von Städten aller Welt verseuchen, aber durch freche Kunstgriffe "enthüllt": Ein "Kippe" genannter Bau hat eine hochgekippte Eingangsfassade; einer mit Namen "Kerbe" gibt seinen Einsang frei, wenn morgens eine tonnenschwere Gebäudeecke zwölf Meter weit ausgefahren wird – es sieht dann so aus, als sei sie aus dem Mauerwerksbau herausgebrochen.

Diese und andere architektonische Schnapsideen lassen einen hintersinnigen Humor erkennen, der dem stupiden Allerweltskaufhaus, das niemand verhindern kann, einen ironischen – und, wie man weiß, einen einprägsamen, werbekräftigen – Hieb versetzt.

Inzwischen wirbt die Firma Renault mit einem abendroten Parkplatzpanorama, dessen Hintergrund eine aus breiten Sheddach-Bügeln betont schief gefügte Montagehalle ziert, und nun ist auch ein junger Hamburger Unternehmer der Branche Unterhaltungselektronik auf die schiefe Ebene geraten. Im Bezirk Harburg, weit draußen zwischen Autobahn und Durchgangsstraße in einem zerwildert wirkenden Gewerbegebiet neben Schrebergärten, in das man niemals zu Fuß und erst recht nicht eben mal vorbeikommt, hat er einen schicken Traum sich bauen lassen.

Nein, das ist keine Gegend für Architektur und derlei schöne Dinge, sondern eine, wo sich Gewerbe aller Art in landfressenden, kastenförmigen, fensterlosen Verkaufs-Containern mit riesigen Parkplätzen drum herum breit macht. Hier zieht nun seit kurzem ein Blechbehälter die Blicke auf sich, ein flacher Blechwürfel "in Schräglage": Die hintere Ecke ist tief in die Erde eingesunken, die vordere Ecke ragt in die Höhe und öffnet einen schiefen dreieckigen Spalt, der, verglast, den Eingang darstellt.

Wie es die Philosophie des erst sieben Jahre alten Unternehmens nahelegt, das schnell zum "größten europäischen Zentrum für elektronische Medien" herangewachsen ist, sollte das Bauwerk ausdrücklich etwas Neues darstellen. Nachdem die Idee in Hamburg entstanden, auf Reisen in Amerika gereift war, nahm die Hamburger Architekturfirma von Gerkan, Marg und Partner den Auftrag des "Schaulandt"-Chefs ernst und mit Vergnügen an und entwarf einen schiefen, von einem aus 52 Stahlstützen gebildeten Stahlskelett gehaltenen, in geriffeltes Blech eingeschlagenen riesigen Raum mit einem quadratischen Oberlicht in der schiefen Decke.