Die Gruppe nennt sich "Zauberflöte" – doch Opern, Märchen, Versöhnungsdramen hat sie bisher noch nicht gespielt. Osbornes "Blick zurück im Zorn", Schillers "Kabale und Liebe", Mark Medoffs "Red Ryder": Die Gewalt ist der Mittelpunkt dieser Stücke, eine gewalttätige Verzweiflung, die Krankheit der Jugend.

Andras Fricsay, der Gründer, Leiter, Regisseur und Hauptdarsteller der "Zauberflöte", gebraucht von allen Wörtern am liebsten das Wort "Liebe" – auf der Bühne freilich spielt er am liebsten die Schreckgestalten: in "Kabale und Liebe" abwechselnd den grausig-albernen Hofmarschall von Kalb und den mörderischen Präsidenten; in "Red Ryder" nun einen brutalen Pistolen-Mann, der die Gäste eines billigen Coffee-Shops in New Mexico terrorisiert, in Todesangst versetzt.

In den Aufführungen der "Zauberflöte" werden die Augen, Ohren, Nerven des Zuschauers (und sein guter Geschmack) heftig attackiert. Doch Fricsay sagt auch: "Für mich ist jeder gelungene Theaterabend ein Fest." Und im Programmheft zu "Kabale und Liebe" wünscht er seinem Publikum, allen Greueln des Stückes zum Trotz, "gute, gute Unterhaltung".

Die "Zauberflöte" spielt "Red Ryder". Was aber tut Mozart in Neu-Mexiko? Wenn man so will, ist auch der "Rote Reiter" ein Prüfungsdrama, ein Stück über den Kampf zwischen Schrecken und Liebe; der Auftritt des Pistolen-Manns die Feuer- und Wasserprobe. Am Ende, nach allen Prüfungen, sind die Gäste des Coffee-Shops zwar beileibe nicht reif für den Tempel der Weisheit – aber ein bißchen klüger und mutiger als zu Anfang des Stücks sind sie schon.

Fricsay hat Medoffs Drama aus der Nach-Vietnam-Zeit (auf die es ziemlich penetrant-sentimental anspielt) in die Gegenwart, man könnte auch sagen ins Niemandsland verlegt. Aus Medoffs traurigern Café ist eine Pop- und Punk- und Neon-Bar geworden, mit grellbunten, aggressiven Wandbildern.

Hier beginnen ein müder Jüngling mit Leopardenfell-Hose (Uwe Ochsenknecht, der "rote Reiter") und ein nettes Mädchen im Mini-Rock (Sissy Höfferer) ihr tägliches Angestellten-Ritual. Der Tankwart von nebenan kommt herein, der fiese Pächter der Kneipe tritt auf, zwei Gäste erscheinen zum Frühstück, ein etwas zickiges Paar aus der oberen Mittelklasse. Es ist sechs Uhr morgens, alles wie immer, an einem Tag wie jeder andere.

Die Leute von der "Zauberflöte" spielen diesen Alltags-Anfang vielleicht etwas zu unalltäglich; zu ulkig, zu aufgekratzt, zu exotisch. Gute, gute Unterhaltung. Aber das ist auch so etwas wie ein Thema des Stücks: wie ein schäbiger Tag dadurch erträglich wird, daß man ein Theater aus ihm macht. Ein tolles Stück mag das eigene Leben ja nicht sein – aber immerhin ist man selber der Hauptdarsteller darin.