Eine "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord": Buchhändler boykottieren Leser senden Dankschreiben

Was ist das für ein Buch? Niemand hat es verboten, aber alle verhalten sich, als wäre es eine unerlaubte Droge, deren Verkauf schändlich und deren Besitz geheimzuhalten wäre. In Hamburg sagten siebzehn Buchhändler auf telephonische Anfrage, sie hätten es nicht. Das Buch ist lieferbar, aber in auffällig vielen Läden hört man die Behauptung, es sei vergriffen oder noch nicht erschienen. Buchhändler in Kleinstädten weigern sich, das Buch zu bestellen, sagen empört, so etwas wollten sie nicht verkaufen. Der Verlag sieht sich überschwemmt von privaten Bestellungen. Viele Kunden bitten um Versand an ihre Adresse. Sie fürchten, schief angesehen zu werden, wenn sie das bestellte Buch im Laden abholen. Der Verlag erhält Dankschreiben, darunter viele in Sütterlin-Schrift, offenbar von alten Menschen, die vielleicht in Altersheimen leben, umgeben von Kranken und Einsamen, selber einsam, den Tod vor Augen, dessen Unausweichlichkeit sie zuvorkommen wollen durch den Freitod.

Die "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord" von Claude Guillon und Yves Le Bonniec, erschienen in dem kleinen Frankfurter Robinson-Verlag, der kein Skandal-Verlag ist, sondern sich mit literarischen Fundstücken einen Namen gemacht hat, ist, als sie vor einem halben Jahr in Frankreich publiziert wurde, auf Empörung gestoßen. Der Justizminister wollte das Buch verbieten lassen. Ärzte, Theologen, Journalisten übten scharfe Kritik.

In einem vom Katholizismus geprägten Land ist das Thema Freitod heikel. Der Katholik glaubt daran, daß Gott ihm das Leben verliehen habe und nur Gott es ihm nehmen dürfe. Vielleicht ist diese Überzeugung der Grund dafür, daß die Zahl der Selbstmörder in katholischen Ländern relativ niedrig ist. Die Bundesrepublik hat viel mehr Fälle von Selbstmord: etwa 14 000 im Jahr.

Aber auch bei uns ist der Freitod tabu. Schon die herabsetzende Vokabel "Selbstmord" zeigt das an. 1954 urteilte der Bundesgerichtshof, daß "das Sittengesetz jeden Selbstmord – von äußersten Ausnahmefällen vielleicht abgesehen – streng mißbilligt, da niemand selbstherrlich über sein eigenes Leben verfügen und sich den Tod geben darf". Verglichen mit anderen Ländern jedoch sind unsere Gesetze liberal. Anstiftung und Beihilfe zum Selbstmord werden nicht verfolgt. Tötung auf Verlangen und unterlassene Hilfeleistung hingegen sind strafbar.

Die "Gebrauchsanleitung zum Selbstmord" verstößt nicht gegen herrschende Gesetze. Das Buch wurde aber zum Skandal deshalb, weil es in einem Schlußkapitel Arzneien aufzählt, die bei entsprechender Dosierung zum Tod führen. Die Vor- und Nachteile der einzelnen Mittel werden beschrieben, und es wird zum Beispiel der Rat erteilt, ein Hotelzimmer für zwei Tage im voraus zu bezahlen. Das Buch ist kein leichtfertiges Machwerk. Es vertritt, zum Teil polemisch und angreifbar, das Recht auf einen selbstbestimmten Tod.

Muß man ein solches Buch nicht bekämpfen, wenn schon nicht juristisch, dann wenigstens publizistisch? In Frankreich fand man es bei Selbstmördern. Sie hatten die "Gebrauchsanleitung" befolgt. Es ist denkbar, daß verwirrte Menschen, in einem vorübergehenden Augenblick der Verzweiflung, mit Hilfe dieses Bucnes einen Schritt tun, den sie bereuen würden, wenn sie noch könnten. Aber vielleicht würden sie, hätten sie das Buch mit seinen "sanften" Tötungsvorschlägen nicht, in ihr Auto steigen und gegen den nächsten Baum fahren. Viele Verkehrsunfälle sind Selbstmorde. Und die meisten Geisterfahrer sind vermutlich keine verkehrsunkundigen Schwachköpfe, sondern Menschen auf der Suche nach dem Tod. Wo immer es geht, muß man ihnen helfen zu leben. Würden sie geliebt, müßten sie vielleicht nicht sterben. Aber diese Liebe darf keine Bevormundung sein. Oft ist sie das. Der Schriftsteller Jean Améry, der sich 1978 umbrachte, hat in seinem Buch "Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod" von einer "unverschämten Einmischung" gesprochen. Wer mit seinem Leben abschließen will, muß damit rechnen, ins Irrenhaus eingewiesen zu werden. Als ob der Wunsch zu sterben nur einem Wahnsinnigen einfallen könnte.