Die Bewegung der Jugend von heute erinnertin vielen ihrer Motive und Utopien an eine andere, historische Erscheinung: an die „klassische“ Jugendbewegung der Zeit nach der Jahrhundertwende. Das hat die Beschäftigung mit der Geschichte dieser Jugendbewegung in den letzten Jahren zunehmend Interesse gewinnen lassen. Denn es hat ein Thema aktualisiert, bei dem wissenschaftliche oder auch politische Lernbegier und „Betroffenheit“ in einem produktiven Verhältnis zueinander stehen. Daß zwischen der heutigen Alternativbewegung und der historischen Jugendbewegung Parallelen bestehen, ist im übrigen unter den Kennern und Liebhabern ihrer Geschichte unumstritten. Eine Tagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung – das der Beschäftigung mit dieser Geschichte ein regelmäßiges Forum bietet und sie auch in Jahrbüchern dokumentiert –, im Oktober auf Burg Ludwigstein veranstaltet und eben diesen Zusammenhängen gewidmet, hat das ausdrücklich bestätigt. Offen blieb aber, was aus dieser Parallele geschlossen werden könne – und, nicht zuletzt, ob sie für die „neue Jugendbewegung“ eher die Perspektive des Scheiterns oder des Gelingens nahelegt.

Nach wie vor ist unter den damals Beteiligten wie unter den Historikern kontrovers, wie denn der Beitrag der „alten“ Jugendbewegung zur Sozialgeschichte der deutschen Gesellschaft zu bewerten sei. Waren die Wandervögel und Freideutschen, die sich von der deutschen Bürgerlichkeit wilhelminischen Zuschnitts absonderten und ein „Reich der Jugend“ begründeten, die Vorboten der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“? Oder waren sie die Entdecker tragfähiger, auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung gerichtete Gegenkulturen, an die grüne oder bunte Lebens- und Gesellschaftsreformer heute in durchaus demokratischer Absicht anknüpfen können?

Für den Streit darüber lassen sich aus zwei Untersuchungen Einsichten und Erkenntnise gewinnen, die sich mit der Frühzeit der deutschen Jugendbewegung beschäftigen. Beide Arbeiten – gefördert vom Forschungsvorhaben „Neunzehntes Jahrhundert“ der Fritz Thyssen-Stiftung – bemühen sich, an ihr Thema soziologisch heranzugehen, die eine mehr empirisch, die andere, früher erschienene, mehr mit der Absicht, es auch theoretisch zu begreifen – und beide sind für die Auseinandersetzung darüber, ob es sich bei der historischen Jugendbewegung um wirkliche neue Ansätze einer Gegenkultur handelte und in welche Richtung sie wies, ebenso hilfreich wie ernüchternd:

Otto Neuloh/Wilhelm Zilius: „Die Wandervögel. Eine empirisch-soziologische Untersuchung der frühen deutschen Jugendbewegung“; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982; 200 S., 44,– DM.

Ulrich Aufmuth: „Die deutsche Wandervogelbewegung unter soziologischem Aspekt“; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1979; 259 S., 58,– DM.

Für die noch lebenden Angehörigen der „alten“ Jugendbewegung ist eine Annäherung von Soziologen an ihre Jugenderlebnisse gewiß ärgerlich. Schließlich war die Jugendbewegung damals (auch darin der heutigen Alternativbewegung ähnlich) nicht gerade wissenschaftsfreundlich. Sie beharrte vielmehr darauf, daß nur die eigene Erfahrung, nicht aber die von außen kommende Analyse ihrem „Wesen“ gerecht werden könne. Dessen ungeachtet produzierten freilich die Jugendbewegten unentwegt Zeitschriften und Blättchen und entäußerten sich also ihrer Erlebniswelt – was wiederum später und bis in unsere Tage eine Flut von ideengeschichtlichen und auch ideologiekritischen Veröffentlichungen über die Jugendbewegung nach sich zog.

Neuloh/Zilius und Aufmuth reihen sich in diese publizistische Tradition nicht ein. Ihnen geht es darum, herauszubekommen, was denn die soziale Realität der frühen Jugendbewegung ausgemacht hat und wo die gesellschaftlichen Momente lagen, die die Jugend zum Auszug aus dem bürgerlichen Alltag trieben. Aufmuth, mit Theoriebezügen etwas überladen, erklärt die frühe deutsche Jugendbewegung sehr plausibel aus dem Zusammentreffen der Bedürfnisse nach einem „selbstgestalteten Jugendraum“, also nach informellen, altersgleichen Gruppen Jugendlicher abseits von Elternhaus und Schule, mit einem „schichtspezifischen Auftrag“. Gemeint ist das Streben des damaligen deutschen Bildungsbürgertums, seinen besonderen Status zu behaupten, die eigene kollektive Identität gegen alle Verunsicherungen durch die Entwicklung der Industriegesellschaft zu „reprofilieren“. Der Wandervogel, so meint Aufmuth, sei mindestens ebenso sehr eine „Veranstaltung“ des Bildungsbürgertums und seiner reformerischen Pädagogen gewesen wie ein originäres Werk der Jugend selbst.