ARD, Sonntag, 5. Dezember, 21.15 Uhr: „Schlaf lose Tage“, Fernsehfilm von Diethard Klante nach dem Roman von Jurek Becker

Das Thema der Deutschstunde hat Lehrer Simrock groß an die Tafel gemalt. Die Klasse liest Gottfried Kellers Entwicklungsroman „Der Grüne Heinrich“. In dessen Verlauf kommt Heinrich Lee auch mit der Schule in Konflikt: Er demonstriert und wird gefeuert. Bald sieht sich der Deutschlehrer in einen ähnlichen Roman verstrickt. Karl Simrock ist die Hauptperson in Jurek Beckers „Schlaflose Tage“.

Diethard Klantes Verfilmung beginnt mit einer Kamerafahrt durch die Bankreihen des Klassenzimmers in Richtung Tafel. Dort ist der Lehrer mit seinem Vortrag ins Stocken geraten. Die Schüler, beunruhigt über seinen Zustand, flüstern und lachen. „Wenige Wochen nach seinem sechsunddreißigsten Geburtstag, während einer Unterrichtsstunde, die bis dahin ohne Aufregung verlaufen war, spürte Simrock zum erstenmal in seinem Leben sein Herz.“ So beginnt Jurek Beckers Roman.

Simrock beschließt, sein Leben zu ändern. Das geht im Film ziemlich rasch. Er zieht sich vor seiner Frau griesgrämig in sein Arbeitszimmer zurück. Auf dem Schulhof nuckelt er trübsinnig am Strohhalm seines Milchbeutels und brüllt seinen Vorgesetzten an. Nachts blickt er aus seinem Fenster auf die dunklen Straßen von Halle und beobachtet ein Auto der Volkspolizei bei der Patrouille. Dann erklärt er seiner Frau beim Frühstück in der Küche: „Ich möchte, daß wir uns trennen.“ Das Fernsehen läßt keinem viel Zeit zum Überlegen.

Bei Jurek Becker ist Karl Simrock ein sehr grüblerischer Mensch. Bis Seite 40 hat er Zeit, sich gegen sein bisheriges Leben zu entscheiden. „Wochenlang“ sucht er nach einem neuen Anfang und entwickelt ein Konzept dazu. Er will sich „von Spannungen nicht überraschen lassen“, „sich nicht davor schämen, Standpunkte zu revidieren“, „die uneingestandenen Wünsche ans Tageslicht holen“, das bisher „für notwendig Gehaltene untersuchen ... um herauszufinden, wieviel Ballast sich darin verbirgt“. Sein Traum: „Trotz Nichtübereinstimmung akzeptiert werden.“ Im Roman hat sich Simrock alles gründlich überlegt.

Im Film ist Simrock, gespielt von Hans-Peter Hallwachs, eher ein still vor sich hin brütender Kamikaze-Typ. Er paßt so wenig in ein Lehrerzimmer, daß sein Entschluß, auszusteigen, nur wie eine Verzweiflungstat wirkt. Lehrer zu bleiben, wäre für einen wie ihn die größere Provokation gewesen: Hallwachs als Deutschlehrer zu sehen, ist ein teuflisches Vergnügen.

Schlaflose Tage hat auch Simrocks Geliebte Antonia Kramm (Regine Vergeen). Sie mußte aus politischen Gründen die Universität verlassen, hält sich mit Schreibarbeiten über Wasser und versucht glücklos, während eines Ungarn-Urlaubs in den Westen zu fliehen, was ihr fast zwei Jahre Gefängnis einbringt. Simrock arbeitet inzwischen als Beifahrer bei den „VEB Backbetrieben Halle“. Letzte Szene des Romans: „Als sie einem Rettungswagen die Vorfahrt lassen mußten, fiel Simrock sein Herz ein, das er vor langer Zeit für krank gehalten, das sich seitdem aber tapfer geschlagen hatte... Er dachte, wenn er versuche, die ganze Sache in einem günstigen Licht zu sehen, dann sei die damals entstandene Beunruhigung, von der er ja heute noch zehre, vielleicht ein Gewinn gewesen.“