In der Grotte unter der Geburtskirche zu Bethlehem ist in den Boden eingelassen ein Silberstern. Er trägt die Inschrift: "Hic de Virgine Maria Jesus Christus natus est" – "Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren". Daß Jesus in Bethlehem auf die Welt gekommen sei, wird im Evangelium des Lukas dargestellt, in der sogenannten "Weihnachtsgeschichte".Auch im Evangelium des Matthäus wird Bethlehem als Jesu Geburtsort genannt. Aber Markus und Johannes sagen nichts von Bethlehem; sie nennen ihn den Nazarener, womit sie wahrscheinlich meinen, daß er aus Nazareth in Galiläa stammt. Johannes weist sogar die Behauptung, Jesus stamme aus Bethlehem, ausdrücklich zurück.

Die meisten heutigen Leben-Jesu-Forscher, sowohl Historiker als auch evangelische und katholische Theologen und Experten für neutestamentliche Forschung, verstehen die Behauptung von Matthäus und Lukas, Jesus sei in Bethlehem auf die Welt gekommen, als den literarischen Versuch, die Geburt des Messias so darzustellen, wie sie im Alten Testament angedeutet ist. Im Alten Testament heißt es, der Messias werde aus der Stadt Davids kommen. Damit war Bethlehem gemeint. Dort wurde David geboren und später, ab König, gesalbt.

Weil überdies prophezeit war, daß der Messias ein Davide sein werde, ein Nachkomme König Davids, konstruierten Matthäus und Lukas für Jesus Stammbäume, die seine Abkunft von David und dem noch viel älteren Abraham belegen sollten. Doch mit diesen Stammbäumen, die übrigens recht unterschiedlich ausfielen, aber beide über Joseph geführt werden, obgleich Joseph ja gar nicht als Jesu leiblicher Vater gilt, taucht sofort ein neues Problem auf: Sie lassen sich mit der jungfräulichen Geburt des Messias nicht in Einklang

"Hic de Virgine Maria..." – Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren. Hatten Matthäus und Lukas das nicht bedacht, als sie die Stammbäume aufstellten? Oder haben sie an die jungfräuliche Geburt nicht geglaubt? Aber Matthäus sagt doch ausdrücklich, Maria sei schwanger gewesen vom Heiligen Geist. Und auch Johannes sagt einmal, Jesus habe keinen anderen Vater gehabt als Gott,

Innerhalb der Kirche ist lange darüber gestritten worden, ob die Angaben über die jungfräuliche Geburt wörtlich zu nehmen seien. Wie schon die Behauptung, Jesus sei in Bethlehem geboren, gehen auch sie auf Prophezeiungen zurück. Der auch phet Jesaja hat gut siebenhundert Jahre zuvor gesagt (was vielleicht erst zweihundert Jahre später in der überlieferten Form des Jesaja-Buches schriftlich fixiert wurde): "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären ..." Diese Stelle hat Matthäus (1,23) aufgenommen. Aber im hebräischen Urtext des Jesaja-Buches steht gar nicht – wie Matthäus (oder seine Quelle) ins Griechische und Luther später ins Deutsche übersetzten – "Jungfrau", sondern – wie die Zürcher Bibel übersetzt – "junges Weib" Ges. 7,14)! Wenn Matthäus die jungfräuliche Geburt so sehr betonte und dabei die Jesaja-Stelle vielleicht absichtlich falsch übersetzte, dann geschah dies – so der englische Historiker Michael Grant –, "um damit auf die überragende und einzigartige Autorität Jesu hinzuweisen". Die jungfräuliche Geburt war übrigens kein grundsätzlich neuer Gedanke. Lange zuvor war von bedeutenden Persönlichkeiten (meist des politischen Bereichs), denen man göttliche Eigenschaften oder göttliche Herkunft zuschrieb, behauptet worden, sie seien – gezeugt auf außergewöhnliche Weise – von Jungfrauen geboren worden.

Vielleicht der erste, der des von sich selbst behauptete, war der assyrische König Sargon I., gut zweieinhalb Jahrtausende vor Christus. Nach der von Zarathustra gegründeten Lehre des Parsismus soll auch der noch zu erwartende awestische Erlöser, der Saoschjant, von einer Jungfrau geboren werden. Ähnlich mystische Ursprünge wurden für Kyros, Romulus, Krishna und Perseus beansprucht. Und von Alexander dem Großen hieß es, er sei nicht der leibliche Sohn Philipps II. von Makedonien, sondern von Zeus durch einen Blitzstrahl gezeugt worden.

Die Vorstellung von "Göttersöhnen", die leibliche Söhne von Göttern sind, ist nicht hebräisch, sondern hellenistisch; nach hebräischer Vorstellung kann ein "Sohn Gottes" nur ein von Gott adoptierter, auserwählter Sohn sein, Hier hat sich im Christentum also hellenistisches Gedankengut durchgesetzt. Aber erst allmählich: denn, so Michael Grant, "die Behauptung, daß Jesus aus seinem göttlichen Vater käme, ist Teil einer Theologie, die sich erst lange nach der Kreuzigung entwickelt hat".