Hamburg

Der Teppichboden würde einer Versicherung Ehre machen. Aber hier ist das edle weiße Stück ganz und gar am falschen Platz. Über das Muster, das Flecke und Kleckse unbekümmert gezeichnet haben, kriecht auf allen vieren ein kleines Mädchen. "Tu und le chat, Isabelle?" hat Elisabeth, die französische Kindergärtnerin, ihr gesagt. Isabelle spielt also die Katze, während der große Kreis der Kinder auf gut süddeutsch: "Ach mein kleines Mohrle" singt. Sind das kleine Franzosen, sind es deutsche Kinder? Bei einigen weiß ich es gleich, aber viele dieser Drei- und Vierjährigen gleiten mühelos von einer Sprache in die andere. Wo gehen wir hin? fragt, schon halb im Anorak, ein Junge Elisabeth auf französisch, dreht sich um und sagt auf deutsch zur deutschen Kindergärtnerin: "Roswitha, ich krieg den Reißverschluß nicht zu."

Dem Gruppenraum sieht man die fröhliche Nutzung an: Ringsherum Gemaltes und Getöpfertes, kuschelige Ecken, Bastelkram und eine Kasperlebühne, auf der jeden Morgen per Handpuppen Sprachprobleme bewältigt werden. Die Wärme läßt die Sterilität ein bißchen vergessen, die gleich vor der Haustür beginnt: die "Deutschfranzösische Schule" liegt in der Hamburger Bürostadt City Nord – dort, wo Menschen auf der Straße nur als Parkplatzsuchende vorkommen, die Welt nicht begehbar und schon gar nicht bespielbar ist. Einen seltsameren Ort für Kinder hätte man kaum finden können als diese Anhäufung von Auslieferungslagern, Tiefgaragen und Großraumbüros. Das soll sich ändern. Die Schule sucht neue Räume.

"Deutsch-französische Schule", der Name steht schwungvoll über dem Eingang zur Büroetage, und ich denke, eigentlich ist er glatt eine Nummer zu groß. Ungefähr hundert deutsche und französischsprechende Kinder kommen jeden Werktag her – die eine Hälfte besucht den Kindergarten, die andere geht zur Schule. Ein bißchen außen vor und für sich sind die Großen – junge Franzosen, die mit ihren Eltern vorübergehend in Hamburg leben und sozusagen exterritorial das Fernstudium ihres Erziehungsministeriums durcharbeiten. Das eigentliche Interesse aber gilt den zweisprachigen Kindern. Mit drei Jahren fangen sie an, beide Sprachen spielerisch zu lernen, bis zur zweiten Grundschulklasse kann die Schule sie deutsch und französisch unterrichten – vorerst. Danach möchte sie jedes Jahr um eine Klasse aufstocken, am liebsten bis hin zum internationalen oder deutschfranzösischen Abitur.

Das ist nicht gerade einer von den ganz zurückhaltenden Wünschen in einer Stadt, die traditionell übers Meer oder nach England schaut, aber an Beharrlichkeit hat es den beiden Initiatorinnen bisher nicht gefehlt. "Irgendwann begannen wir", sagt Christiane Driesen, Französin, Konferenzdolmetscherin und Managerin des Ganzen, "uns eine Schule auszudenken, in der beide Kulturen gleichwertig behandelt werden."

Das war 1976 und der Anlaß höchst privat: Ein paar Französinnen, die, wie sie selbst, in Hamburg mit einem Deutschen verheiratet waren, wollten ihren Kindern die eigene Sprache erhalten. Anni Gerard, heute Leiterin der Schule, nahm die "sechs oder acht Kinder damals fast zu sich nach Hause". Später gab es Räume von der Hamburger Jugendbehörde, und Elisabeth mußte mittags alles blitzblank wegpacken, weil andere Gruppen kamen. Subventionen vom französischen Staat halfen sehr. Sie mieteten die Etage in der City Nord, stellten Lehrer und Erzieher ein, es sind jetzt sieben, vor allem der Kindergarten dehnte sich aus.

Inzwischen ist die Sache über den Ehepaar-Förderungsverein hinausgewachsen. Zwar bilden die Kinder aus den deutsch-französischen Mischehen nach wie vor in der Schule den verläßlichen Kern. Aber eine ganze Reihe von Eltern nehmen doch die Gelegenheit wahr, ihre Kinder eine Fremdsprache in einem Alter lernen zu lassen, in dem das noch kinderleicht geht. "Mit fünf ist es am einfachsten", sagt Christiane Driesen, "mit acht schaffen wir es noch, aber mit zwölf, wenn’s in den meisten Schulen richtig ernst wird mit den fremden Sprachen, ist es für eine echte Zweisprachigkeit zu spät."