Die Eröffnung eines weiteren Lobby-Büros in Bonn wäre an sich kaum der Rede wert. Wenn aber 140 Verbände und Organisationen aus dem Kulturbereich eine "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kulturrat" gründen, dann scheint sich doch mehr ereignet zu haben als die Verteilung von Ämtern und lukrativen Pfründen. Liest man indessen das Protokoll der Gründungsversammlung und befragt einige Beteiligte, so wird sehr schnell deutlich, daß weder der "Willy Weyer der Kultur" gekürt worden ist, noch der "Dachverband der Dachverbände" geschaffen wurde, der künftig als mächtige Interessenvertretung aller "Kulturschaffenden" gegenüber Staat und Gesellschaft antreten könnte.

Tatsächlich haben sich nach jahrelangem, zähem Debattieren Vertreter von kulturellen Interessenorganisationen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Der "Kulturrat" besteht praktisch aus einem Vorstand, der aus den je zwei Sprechern von sieben "Sektionen" gebildet wird, in denen sich die Einzelorganisationen zusammengeschlossen haben. Er soll ausdrücklich "keine offiziellen Gespräche mit Vertretern der Bundesregierung im Namen des Deutschen Kulturrates" führen. Die sollen eventuell nach dem nächsten Plenum vereinbart werden, nachdem "die gemeinsamen Interessen herausgearbeitet wurden" – als wenn die nicht vor der Gründung hätten definiert werden müssen! Der Verdacht, diese neue Vereinigung sei "so überflüssig wie ein Kropf", den Berat Engelmann als kollektive Meinung der Präsidien von VS (Schriftstellerverband) und PEN äußert, könnte sich denn auch sehr schnell erhärten. Ohne die Vertretung der deutschen Schriftsteller nämlich wäre ein Kulturrat, was immer er unternehmen würde, eine eher armselige Erscheinung. Der VS befürchtet aber nicht nur, daß vom Kulturrat doch einmal staatliche Gelder abgesaugt werden könnten, auf die man selber ein Auge geworfen hat, er argwöhnt auch eine Konkurrenz zur "Mediengewerkschaft", einer Lieblingsidee von Engelmann, die aber nach wie vor auf sehr schwachen Füßen steht.

Der Gewerkschaftsgedanke hat übrigens auch in der langen Geschichte der Gründung des Kulturrates eine große Rolle gespielt. Dieter Ruckhaberle, streitbarer Kunstfunktionär aus Berlin, hat bis zuletzt eine straffe Organisationsform favorisiert und schließlich als einziger nicht für die nun verabschiedete Form der losen Arbeitsgemeinschaft stimmen wollen. Verstehen kann man vor allem die kleineren und kleinsten Vereinigungen im Kulturbetrieb, die sich von der Mitgliedschaft im Kulturrat eine bessere Außenvertretung ihrer Interessen versprechen. Die Großen und Mächtigen dagegen wollen nichts von ihrer Macht abgeben und glauben, als Lobby auch allein stark genug zu sein. So setzen die Initiatoren denn auch zunächst einmal auf die Macht des Faktischen – die praktische Arbeit werde die Nützlichkeit der Arbeitsgemeinschaft schon erweisen. Dafür dürfte vor allem das "Zentrum für Kulturforschung" in Bonn sorgen, das seinen Anteil an der Gründung zwar kräftig herunterspielt ("wir sind nur eine Art Briefkasten"), ohne das aber diese Gründung nie und nimmer erfolgt wäre. Das Kulturforscherpaar Fohrbeck/Wiesana vertritt auch theoretisch einen Kulturbegriff, der in seiner politischen Ausrichtung eine Interessenvertretung geradezu zwingend fordert. Das kann man von anderen Mitgliedern der sieben bisher bestehenden Sektionen (Musik; Darstellende Kunst; Bildende Kunst; Baukultur; Design; Film; Kulturarbeit/Soziokultur) so sicher nicht sagen. Die Sektion Bildende Kunst hat denn auch vor allem dafür gesorgt, daß das ursprüngliche Verbandsmodell in der Versenkung verschwunden ist. Damit ist auch die Gefahr der puren Vereinsmeierei, die sich in früheren Sitzungen deutlich gezeigt hatte, zunächst einmal gebannt. Aber selbst so lose Zusammenschlüsse haben nun einmal die Tendenz, ein organisatorisches Eigenleben zu entwickeln, das dann auch eine personelle Vertretung erfordert. Ein "Deutscher Kulturkongreß" soll im nächsten Jahr die Mächtigkeit all dieser Verbände und Vereine beweisen. Daß sie überhaupt in dieser überwältigenden Zahl existieren, mag man ohnehin nicht als Zeichen eines gesunden und funktionierenden Kulturbetriebes werten. Hans-Peter-Riese