Wuppertal

Noch in dieser Woche soll es mit der Mehrheit aller Parteien der Stadt Wuppertal beschlossen werden: eine neue Straße wird demnächst Hellmut-Girardet-Straße heißen. Um diese Entscheidung hat es hinter den Rathauskulissen heftige Auseinandersetzungen gegeben – öffentlich wurde die Sache jedoch erst in der letzten Phase gemacht. Und zwar nicht von Wuppertals Monopolblatt, der Westdeutschen Zeitung, ehemals General-Anzeiger der Stadt Wuppertal, sondern durch Fernseh- und Rundfunkbeiträge des Westdeutschen Rundfunks. Das hat Gründe:

Hellmut Girardet (1902 bis 1973) war Herausgeber und Verleger der Wuppertaler Zeitung, die 1949 wieder erscheinen durfte. Sie ist noch heute in Familienbesitz.

Der Vorschlag, eine Straße nach ihm zu benennen, kam von der Europa-Union, dessen Mitglied und Förderer er war. Hellmut Girardet, so die Europa-Union, sei ein "Europäer der ersten Stunde" gewesen, auch habe er unter anderem das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Im beigefügten Lebenslauf über die Zeit von 1936 bis 1945 hatte die Europa-Union geschrieben: "Die Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges, den Dr. Hellmut Girardet als Luftwaffen-Hauptmann der Reserve erlebte, hinterließ tiefe Einschnitte im persönlichen und weiteren beruflichen Lebensweg."

Im Oktober dieses Jahres meldeten sich im Wuppertals Rathaus die drei Töchter von Hans-Christian Meyer, dem Mann, der in jener Zeit (1936 bis 1945) Chefredakteur des General-Anzeier gewesen war. Sie reicherten den Girardet-Lebenslauf an mit den "Politischen Richtlinien der Schriftleitung" vom 9. Juni 1936, unterschrieben von Hellmut Girardet. Dort heißt es: "Erstes Gebot für alle, Mitglieder unserer Schriftleitung ist der räckhaltlose die Ziele der Regierung Adolf Hitlers... Uns erwächst die besonders wichtige und dankbare Aufgabe, mit taktvoller, durch keine Übertreibung beeinträchtigte Wertung, das nationalsozialistische Gedankengut immer tiefer in die weitesten Kreise der Wuppertaler und bergischen Bevölkerung hineinzutragen, damit Weltanschauung und Staatsauffassung unserer Zeit immer mehr ihr innerliches Eigentum werden."

Die Meyer-Töchter gingen in ihrem Brief davon aus, "daß die Verantwortlichen der Stadt auf die geplante Straßenbenennung verzichten werden."

Sie irrten. Proteste gab es zwar in Bezirksvertretung und im SPD-Ortsverein. Aber Oberbürgermeister Gottfried Gurland (SPD) sagt: "Nach sorgfältiger Prüfung sehen wir keinen Grund, von unserem Vorhaben abzugehen." Als Befürworter wird auch ein prominenter Naziverfolgter zitiert: der Wuppertaler KarlIbach, bis 1971 Landesgeschäftsführer des Bundes der Verfolgten des Nazi-Regimes, seit 1969 Bundesvorsitzender des Zentralverbandes Demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgtenorganisationen. Der aber streitet Einsatz für diese Sache energisch ab. Er sei nur gefragt worden, ob er von belastenden Aktivitäten Girardets in der Nazizeit, Denunziationen etwa, gehört habe. Das hätte er verneinen müssen. Die Straßenbenennung aber hält Ibach für bedenklich und nicht geschmackvoll. Aber es gäbe wohl aus parteipolitischen Erwägungen "Kröten, die man schlucken müßte". Diese taktischen Gründe liegen auf der Hand: Wer will es sich schon mit der einzigen lokalen Zeitung verderben?

Anne Linsel