Die überraschende Scheidung im Hause Bertelsmann

Von Heidi Dürr

Meine Nachfolger", sagte Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn Anfang Februar vergangenen Jahres, "haben nicht im gleichen Maße Überblick über das Unternehmen." Er werde deshalb, präzisierte Mohn wenig später, darauf zu achten haben, daß "die nachfolgende Führung im Vorstand die Aufgabe bewältigt Im Zweifel werde er selbst eingreifen – auch mit Personalentscheidungen.

Das war kurz bevor der Chefarchitekt der Firmengruppe, der zugleich zusammen mit seinem Sohn Mehrheitsgesellschafter des drittgrößten Medienkonzerns der Welt ist, seiner eigenen Firmenphilosophie folgte: Anläßlich seines 60. Geburtstages zog er sich aus der aktiven Führung zurück. Mohn vertauschte den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann AG mit dem Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden.

Mohns frühzeitiger Beschreibung möglicher Konflikte und seine damit verbundene öffentliche Überlegung, "ob der übliche Mechanismus ‚Aufsichtsrat – Vorstand‘ schon in richtiger Weise geordnet ist", maß damals niemand allzu großes Gewicht bei. Denn Mohns Nachfolger in der Gütersloher Konzernzentrale wurde am 1. Juli 1981 ein Mann, der schon lange als Kronprinz des Konzerngründers galt und dem jeder die Fähigkeit zutraute, Mohns Lebenswerk erfolgreich weiterzuführen: Manfred Fischer, damals 48 Jahre alt, seit 23 Jahren im Haus und als Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Tochter GrunerJahr seit 1977 auch im Bertelsmann-Vorstand.

Blitz aus heiterem Himmel

Was niemand erwartet hatte, ereignete sich jedoch schon siebzehn Monate nach Fischers Amtsantritt. In derselben Woche, in der Reinhard Mohn seine langjährige Lebensgefährtin Elisabeth Scholz heiratete, fand auch die Scheidung statt. Unter vier Augen einigten sich der Aufsichtsratsvorsitzende und sein Nachfolger im Vorstand darauf, daß Fischer den Konzern zum 31. März nächsten Jahres verläßt. Der Aufsichtsrat, dem immerhin so bekannte Manager wie Karstadt-Vorstand Walter Deuss, Mannesmann-Chef Egon Overbeck und der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz, Gerhard Prinz, sowie ZEIT-Verleger und Bertelsmann-Gesellschafter Gerd Bucerius angehören, war vorher weder konsultiert noch informiert worden.