Heilsbronn

Im Dritten Reich hieß es in einem Heilsbronn-Führer, es gäbe unter den 2100 Einwohnern der Stadt keinen Juden und nur noch vier katholische Familien. Nun, die Zeit hat sich geändert und die Stadt mit ihr. Oder nicht? Den letzten Krieg hat sie noch heil überstanden, worauf die Fremdenverkehrswerbung heute stolz hinweist. Die einzigen Auseinandersetzungen erlebte sie, als ein Munitionszug von Nürnberg nach Ansbach auf dem Bahndamm über der Schwabachquelle von Fliegern angegriffen wurde.

Aber eigentlich hat das Heilsbronn gar nicht berührt, denn das lag bereits außerhalb seiner Gemarkung. Die Stadtväter waren gegen den Eisenbahnbau gewesen. Umweltschützer gab es schon früher. Die zerschossene Lokomotive hatte man – für kurz als Kinderspielplatz – auf den Bahnhof Heilsbronn gezogen, auch er außerhalb der Stadtgrenzen der ursprünglichen Gemeinde. Man war von kriegerischen Auseinandersetzungen unbehelligt geblieben. Nur ein paar Tote hatte man beerdigt, wohl auch ein paar Mitbürger verloren.

Doch dann kam es anders: Die zurückgekehrten Soldaten hatten etwas gesehen, "erlebt", wie sie sagten. Dann die langen Kolonnen amerikanischen Militärs von Katterbach nach Nürnberg und von Nürnberg nach Katterbach, hinter denen wir Kinder nicht winken durften, weil ein deutsches Kind nicht bettelt, wie der Herr Rektor sagte.

Und dann die Flüchtlinge: In einem Gasthof hatte man auf einer Tanzfläche ein Lager. Und das schwappte über, und sie wurden in den Wohnzimmern der doch eigentlich hochangesehenen Mitbürger untergebracht. Ob es etwa Gesinnungsfreunde waren? Man hat es nicht wahrgenommen. Sie hatten sich eingedrängt in eine Welt, in der manche Frau doch stolz war, die Gemeindegrenze noch nie überschritten zu haben. Die Flüchtlinge waren fremd. Man verstand sie nicht und sie einen nicht. Sie besaßen kaum etwas, und – was weit schlimmer war – man mußte (nicht ganz unberechtigt) fürchten, man werde sie, anders als die evakuierten Nürnberger, nicht wieder loswerden. Man rechnete damit, sie werden stehlen, nein, sie werden die Einheimischen gar verdrängen.

Als Flüchtlingskind war ich ein Außenseiter. Selbst Erwachsene sagten voller Verachtung: "Der spricht nach der Schrift!" Und wenn ich mal das Klästrisch, diesen fränkisch-schwäbischen Dialekt versuchte, dann antwortete man in einem nachgeäfften Hochdeutsch. Vielen Kindern war es verboten, mit mir zu spielen.

Den Grund für all das in der fränkischen Seele zu suchen, wäre allzu voreilig. Da gibt es auch den bekannten Aspekt der Bildung und des allgemein nur geringen Geschichtsbewußtseins. Als Heilsbronn in diesem Sommer sein 850jähriges Bestehen feierte, hat das etwas beeinflußt?