Vom Kriege ist – neben anderen Besonderheit ten – ein posthumes Buch, geschrieben von einem General, der zu Lebzeiten nichts unter seinem Namen veröffentlicht hatte, obwohl – oder weil – er sein ganzes Leben über die Strategie und die Taktik nachgedacht hatte. Noch sehr jung, war er von Scharnhorst damit beauftragt worden, den Studenten der Kriegsschule Vorlesungen über den kleinen Krieg zu halten.

Warum diese Weigerung, etwas zu publizieren von einem Autor, der keineswegs bescheiden war, sondern der die Qualität seines Werkes sehr hoch einschätzte? Vielleicht fürchtete Clausewitz, zwar mutig auf dem Schlachtfeld, die Konfrontation am königlichen Hofe und in den intellektuellen Auseinandersetzungen. Mir scheint, der wichtigste Grund aber lag darin, daß sein Hauptwerk niemals vollendet wurde und er glaubte, nicht unmittelbar verstanden zu werden. Er rechnete mit der Nachwelt, nicht mit seinen Zeitgenossen.

Wahrscheinlich hatte er recht: Sein großes Buch ist schwierig für Offiziere. Wie Schlieffen siebzig Jahre nach dem Erscheinen schrieb, ist "Vom Kriege" in einem philosophischen Stil geschrieben, der nicht mehr dem heutigen Geschmack entspricht. Das Werk wäre auch kaum mehr nach dem Geschmack der Offiziere seiner Zeit gewesen. Wegen der Unvollendetheit und Komplexität seiner Gedanken ist es auch für Leser schwierig, die mit dem Vokabular und dem philosophischen Räsonnement vertraut sind.

Gewiß, die Mehrzahl der Kapitel in den Büchern III bis VII behandeln klassische Probleme der Strategie, obwohl das VI. Buch über die Verteidigung, die als stärkste Form berachtet wird, eine Menge Fragen aufwirft, die über die gängige Militärliteratur hinausgehen. Was das Werk "Vom Kriege" aber von allen anderen Abhandlungen über Strategie unterscheidet, sind Bücher I, II und VIII, in denen die beiden Clausewitz’schen Thesen entwickelt werden, die eine enorme Beachtung in der Literatur gefunden haben.

Die Herstellung einer Beziehung zwischen Krieg und Politik ist kaum sehr originell. Die Formel, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen oder zusätzlichen Mitteln, führt weiter als die banalen Bemerkungen über die Verbindung von Politik und Krieg. Clausewitz entwickelt die Idee in zwei Richtungen: Die Führung des Krieges liegt bei der politischen Macht und nicht bei den Führern der Armee. Die zeitweilige Aufhebung der politischen Autorität mit der Kriegserklärung (diese These wurde von Moltke vertreten und war im großen preußischen und deutschen Generalstab vorherrschend) lehnte Clausewitz radikal und ausdrücklich ab.

Gleichzeitig stellte er eine Korrelation her zwischen der Natur der Feindseligkeiten und der Natur der Politik, woraus der Krieg hervorgeht: eine soziologische Behauptung, die er durch vielfältige Beispiele illustriert. Aber diese These von der Durchdringung des Krieges mit der Politik verbindet sich mit dem Konzept des absoluten (oder idealen oder philosophischen) Krieges. Bei oberflächlicher Lektüre scheint es, als sei allein der absolute Krieg, der bis zum Äußersten führt, der einzig wirkliche Krieg. Wenn jeder Krieg wesentlich politisch ist, warum sollte er weniger wirklich sein, wenn er sich innerhalb begrenzter Ziele und Zwecke hielte? Tatsächlich steigert sich jener Krieg notwendigerweise zum Äußersten, der in einem geistigen Experiment von der Politik abstrahiert. Der Autor geht vom Zweikampf, vom Aufeinanderprallen des Willens aus. Jeder Gegner will durch Gewalt dem anderen seinen Willen aufzwingen, ein Zweikampf, der sich zwangsläufig zum Äußersten steigert, wenn man nur die reine Feindseligkeit der Gegner, unabhängig von den ursprünglichen Motiven und Zielen, betrachtet.

Die Synthese der beiden Themen – Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, absoluter Krieg – gab zu vielen Diskussionen Anlaß. Dies umso mehr, als Clausewitz einerseits das Vernichtungsprinzip betont und eine direkte, brutale Offensive zu befürworten scheint, und er andererseits die Überlegenheit der Defensive als Kampfform behauptet. Je nachdem ob man das Schwergewicht auf die eine oder andere Idee legt, bringt man einen anderen Clausewitz zum Vorschein.