Viele Bonner erkennen die Freien Demokraten nicht mehr wieder, dieses bisher oft erfrischend unkonventionelle, keineswegs verbiesterte, aufgeschlossene und vor allem tolerante Völkchen mit so viel individueller Couleur im Bundestagsgrau. Jetzt aber tragen sie schwarz, jedenfalls die sogenannten Genscher-Liberalen, und die grellen Farben des Zorns, der Mißgunst und der üblen Nachrede.

Mit dem Kuckuck, "der im falschen Nest aus dem Ei schlüpft, wenn die Zeit reif ist", hat zum Beispiel Justizminister Engelhard den Übertritt des bisherigen FDP-Generalsekretärs Verheugen zur SPD verglichen. Torsten Wolfgramm, Parlamentarischer Geschäftsführer der freidemokratischen Fraktion, nennt das SPD-Mandat für den frischgebackenen Genossen Verheugen höhnisch ein "sanftes Ruhekissen". Welche Ranküne und welche wahren Motive er hinter den Aus- und Übertritten stecken sieht, drückt selbst ein so differenzierter und nachdenklicher Mann wie Wolfgang Mischnick in den Sätzen aus: "Da werden wieder einmal Mandate wie Prämien für den Parteiwechsel gehandelt." Und von Walter Scheel, der sich offenbar zu allem äußern muß, wird das Verdikt berichtet: "In Bonn arbeiten Berufspolitiker, die ihre Existenz sichern müssen, unabhängig, wer der Arbeitgeber ist."

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Schon richtig, daß mancher der FDP-Dissidenten seinerseits harsche Worte gefunden und sich beim Wechsel etwas forsch gezeigt hat, wie das bei Konvertiten der Fall ist. Aber daß sie viele selbstquälerische Zweifel überwinden mußten, das können sich ihre Kritiker offenkundig nicht mehr vorstellen. Wie schrieb der sozialdemokratische Bundesgeschäftsführer Peter Glotz? "Was bleibt, ist giftiges Nachhaken."

Verständlich vielleicht auch, daß die Genscher-Getreuen in ihrer Empörung über die Wechsler an niedere und unrechte Motive denken. Doch was sagte dazu einst Bertolt Brecht? "Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser." Der Riß in der FDP ist abgrundtief.

Als am Freitag letzter Woche die von der neuen Regierungskoalition zustande gebrachte Novelle zur Wehrdienstverweigerung in erster Lesung behandelt wurde, war das Bundestagsplenum gähnend leer – wiederum kein Ruhmesblatt für das Parlament; schließlich handelt es sich um ein Thema, das viele junge Leute umtreibt. Doch andererseits fand auch nur ein Schattenboxen statt – eine angemessene Fortsetzung des ebenso langen wie unwürdigen Streits um die neuen Auflagen für Verweigerer. Denn so heftig sich Regierungslager und Opposition zum Teil auch in die Haare gerieten, beide hatten einräumen müssen (und tun es hinter vorgehaltener Hand auch), daß selbst unter den alten Mehrheitsverhältnissen im Bundestag kaum ein anderer Kompromiß herausgekommen wäre, weil die Union mit ihrer für die endgültige Verabschiedung unumgänglichen Mehrheit im Bundesrat immer am Drücker war.

Bis zur möglichen Parlamentsauflösung vor Weihnachten soll die Novelle nun verabschiedet sein – als Feder an dem sonst nochschmucklosen Hut der neuen Koalition. Aber der Streit wird weitergehen, zum Beispiel darüber, wie denn die Kriterien für die Schlüssigkeit einer Verweigerungsbegründung aussehen werden oder ob denn entgegen der eindeutigen Verfassungsklausel der Zivildienst erheblich länger dauern darf als der Wehrdienst, alle Interpretationskunststücke hin oder her. Von einer Ideallösung ist man noch weit entfernt, und vielleicht hat die Leere des Plenums auch damit zu tun.