Von Ralf Dahrendorf

Der Gedanke, daß wir in einer Arbeitsgesellschaft leben, der die Arbeit ausgehen könnte, stammt von Hannah Arendt. Schon in den "Einleitenden Bemerkungen" zu ihrem Buch Vita Activa spricht sie von der "Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht," und fügt hinzu: "Was könnte verhängnisvoller sein?" Ihre Frage schwimmt in Ironie. Arbeit, labour, ist für sie das, was Marx "entfremdete Arbeit" nennt, menschliches Tun im Reich der Notwendigkeit, ein alter, aristotelischer Gedanke. Bei Aristoteles^ war die vita activa ja keineswegs erstrebenswert. Auch Hannah Arendt wünscht der Arbeitsgesellschaft durchaus fröhlich Lebewohl.

Schon work, leider übersetzt mit "Herstellen", ist ihr lieber als labour, das sie im Englischen action nennt, also für menschliches Verstehen, für den Bau von Institutionen, für Gesellschaft. Man denkt an Poppers "Welt 3", aber auch wieder an Marx. In den Pariser Manuskripten spricht Marx häufig von "menschlicher Lebenstätigkeit", von "bewußter Tätigkeit", von "freier Tätigkeit". "Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins. Er hat bewußte Lebenstätigkeit." Marx entwickelt gerade in dieser frühen Schrift seine eigene Theorie vom Ende der Arbeitsgesellschaft: "Die Produktion der menschlichen Tätigkeit als Arbeit, also als einer sich ganz fremden, dem Menschen und der Natur, daher dem Bewußtsein und der Lebensäußerung ganz fremden Tätigkeit, die abstrakte Existenz des Menschen als eines bloßen Arbeitsmenschen, der daher täglich aus seinem erfüllten Nichts in das absolute Nichts ... hinabstürzen kann ... – dieser Gegensatz auf die Spitze getrieben ist notwendig die Spitze, die Höhe und der Untergang des ganzen Verhältnisses."

Mit anderen Worten, die der Arbeitsgesellschaft eigene Form des menschlichen Handelns hält sich nicht; sie zerstört sich selbst. Der Arbeitsgesellschaft geht nicht nur die Arbeit aus, sondern ihr muß die Arbeit ausgehen.

Das sind große Worte, vor allem für einen, der keine historischen Notwendigkeiten kennt, sondern glaubt, daß die Erweiterung von Lebenschancen auf dem freien Handeln von Menschen beruht. Immerhin können uns die drei Vokabeln, Arbeitsgesellschaft, Arbeit und Tätigkeit, bei der Beantwortung unserer Fragen helfen.

Für Aristoteles war die Unterscheidung zwischen der vita activa und der vita contemplativa auch eine Unterscheidung zwischen sozialen Klassen: die einen müssen dem praktischen Leben nachgehen, damit die anderen in die Lage versetzt werden, das theoretische Leben zu genießen, also tätig, zu sein. Viele Jahrhunderte lang blieb die Unterscheidung zwischen "denen, die arbeiten (müssen)" und "denen, die nicht arbeiten (müssen)" der Schlüssel zur sozialen Klassenbildung. Immer war dabei der Unterschied gemeint zwischen denen, die gezwungen sind, Dinge zu tun, und denen, die sie aus freien Stücken tun.

Heteronomes und autonomes Handeln im Kantschen Sinne trifft den Unterschied. Arbeit ist heteronomes Tun, wobei die Abhängigkeit sowohl von der Notwendigkeit des Überlebens als auch von der Macht anderer herrühren kann. Hunger und der Archipel Gulag sind die beiden extremen Motive der Arbeit. Autonomes Tun ist in Ziel und Methode selbstgewählt. Mein Lehrer, der Philosoph Josef König, hat mir einmal sein Erstaunen darüber kundgetan, daß er für etwas, das er doch ohnehin tun würde, nämlich für das Philosophieren, und natürlich das Philosophieprofessor-Sein, auch noch bezahlt würde. Er verstand nicht, daß eine Tätigkeit als Arbeit behandelt wurde – ein heutzutage unter Professoren seltenes Unverständnis.