Lieber Jürgen Fuchs!

Ihre bisher veröffentlichten Gedächtnisprotokolle haben, wie ich annehme, bessere historische Qualität als das in der ZEIT vom 22. 10. 1982. Ihr "Sühnezeichen"-Freund wird nicht wenig sauer darüber sein, wie Sie ihn hier zum Stichwortgeber, über den Sie billige Siege erfechten, degradieren. Weil aber ihre Vorstellung von der Friedensbewegung und Ihre Forderungen an sie so typisch sind für manche Stimmen derer, die hier oder drüben kritisch zu den Machtstrukturen im Ostblock stehen, möchte ich, mich auf unsere bisherigen gegenseitigen Sympathien berufend, etwas dazu sagen.

Das Phänomen Friedensbewegung ist – in Europa wie in den USA – durchaus zu unterscheiden von den Gruppen und einzelnen, die in ihr tätig sind. Im Unterschied zu diesen ist die Friedensbewegung nicht im gleichen Maße ein ansprechbares und handlungsfähiges Subjekt, an das man Forderungen richten könnte. Sie ist vielmehr, gerade bei uns in der Bundesrepublik, eine spontane, sich hoffentlich immer mehr. ausbreitende Bewegung der Unruhe in der Bevölkerung, überall bis hinein in die Dörfer und Kirchengemeinden wirkend, einer Beunruhigung gegen die offizielle, von allen drei Bundestagsparteien getragene Rüstungspolitik. Die Friedensbewegung ist aus einem einzigen Grunde entstanden: dem Erschrecken über die weitere Aufrüstung (Brüsseler Nachrüstungsbeschluß) und über die Aufrüstungsvorhaben der USA. Sie ist getragen von einer einzigen gemeinsamen Erkenntnis: die zunehmende Existenzgefährdung durch diese Aufrüstung. Sie hat infolgedessen ein Ziel: die Erzwingung von realer Abrüstung, und zwar auf unserer Seite (weil wir von der Todesgefahr und der schön jetzt um sich greifenden Todeswirkung der Rüstung nicht frei Verden, solange wir auf die anderen warten, statt seiber anzufangen, graduell ja, aber einseitig und jetzt). Das ist ihr "Minimalkonsens", der allein sie einigt, und darin liegt ihre Stärke. Andere Bewegungen, – die ökologische, die feministische usw. – fließen in sie ein, sind aber mit ihr nicht identisch; deren Ziele werden von diesem Minimalkonsens nicht umfaßt.

Wer sich, wie Sie es tun, zur Friedensbewegung rechnet, bejaht damit dieses eine Ziel, das sie vereinigt. Er muß, wenn ihm das wirklich am Herzen liegt, dann aber sich so verhalten, daß er sie nicht schädigt. Das tut er aber, wenn er, wie es Wolf Biermann hat verlauten lassen, behauptet, die Friedensbewegung sei von der DKP oder vom Osten gesteuert. Ich hoffe, daß Biermann diesen Unsinn nicht wirklich meint.

Die Friedensbewegung schädigt auch, wer an sie zusätzliche Forderungen stellt, über die in ihr sein Konsens besteht. Dann spaltet er – zur Freude derer, die sie um ihre Wirkung bringen wollen. Über die Einschätzung des Sowjetkommunisnus, über Polen und Afghanistan besteht in der Friedensbewegung so wenig Einigkeit wie über den Staat Israel oder über den biologischen Landbau. Für das eine, zentral wichtige Ziel der Friedensbewegung sind uns alle willkommen, die mitmachen, die DKP-Leute und diejenigen, die den Sowjetkommunismus positiver einschätzen als Sie und ich, ebenso wie CSU-Mitglieder, bei denen es endlich dämmert. Bedingung ist nur, daß keine Gruppe dominieren und die Friedensbewegung für ihre Zwecke benützen will. Wo mit der DKP in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen gemacht wurden, wurde sie zurückgedrängt; wo nicht, ist ihre Mitarbeit geschätzt. Das geht mit anderen Gruppen nicht anders; hier in Berlin haben uns einige "autonome" Gruppen wegen ihres Krawallbedürfnisses viel größere Schwierigkeiten gemacht als die Parteikommunisten. Dabei ist niemandem verboten, seine Sonderbestrebungen für sich weiterhin zu vertreten. Ich lasse mir nicht Solidarisierungsaktionen mit Solidarność verbieten, und ebensowenig verbiete ich natürlich den DKP-Leuten ihre windige Apologie des Ausnahmezustands in Polen.

Bei Großveranstaltungen wird es dann natürlich hinsichtlich der Redner und des Programms Kompromisse geben müssen, damit möglichst alle, die das eine Ziel bejahen, die Sache mittragen können. Meist hat man sich dabei gut zusammengerauft. So hat es einige Male bei Demonstrationen wegen der DKP kein Problem gegeben, wohl aber wegen der Forderung von Vertretern von Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, auch zur Solidarisierung mit der PLO gegen Israel aufrufen zu dürfen. Wenn wir uns nicht einigen konnten, mußte auf diese Rede verzichtet werden. An diesem Beispiel können Sie sehen, was aus der Friedensbewegung – zur Freude ihrer Gegner! – würde, wenn sie sich solidarisieren müßte mit allen Bestrebungen und mit allen Unterdrückung Leidenden, mit denen Sie oder ich uns solidarisieren. Sie können die Friedensbewegung als wirksamen politischen Faktor nur so haben, wie sie ist, oder gar nicht, und Sie müssen sich entscheiden, was Sie wollen.

Weil das so ist, kann es natürlich passieren, daß ein Ordner Wolf Biermann anpöbelt oder ein anderer einen Nicht-Pazifisten beschimpft oder einer, wie es mir geschehen ist, wegen meiner Tabakspfeife meine Zugehörigkeit zur Friedensbewegung in Frage stellt. Da stellen sich Christen, Anthroposophen, Kommunisten, Lebensreformer und – auch das hat es schon gegeben – Mitglieder der Jungen Union für den mühseligen Ordnerdienst zur Verfügung. Die Friedensbewegung ist ein breites Bündnis ohne Gesinnungskontrolle, auch ohne Maulkorb für die Ordner.