West-Berlin

Jeden Dienstag und Freitag von 12 bis 18 Uhr ist in Berlin-Kreuzberg "Türkenmarkt". Er ist, obwohl er schon geraume Zeit existiert, vielen Berlinern immer noch unbekannt. "Irgendwo in Kreuzberg" soll er sein, ahnen die meisten, doch Berlin ist groß und Kreuzberg weit.

Der Türkenmarkt siedelt am Maybach-Ufer visà-vis vom Paul-Lincke-Ufer, wo Berliner Gesellschaft anzulanden pflegt, um sich im "Exil" bei Ossi Wiener, dem österreichischen Kneipen-Poeten, originalen Tafelspitz, Hax’n und Mirabellenknödel einzuverleiben. Man geht über die Kottbusser Brücke, vorbei an der "Gemütlichen Ankerklause", einem trübsinnigen Etablissement, und schon ist man mittendrin im Marktgetümmel.

Wer einen Blick für die Umgebung hat, kann feststellen, daß "det ne scheene Jejend hier is", wie der Berliner Volksdichter Adolf Glasbrenner einst fand.

Kreuzberg als Idylle. Der Kanal ist von Brücken überspannt, Frachtschiffe ziehen ihre Bahn, Trauerweiden tunken ins Wasser, Bänke reihen sich entlang der Uferpromenade, und überlaubte Gartenlokale laden sommers ein. Am Paul-Lincke-Ufer wie am Maybach-Ufer ist die Straße noch katzenkopfgepflastert; restaurierte Fassaden aus der Gründerzeit fädeln sich daran auf wie eine Perlenschnur.

Zum Markt drängt man sich pünktlich um 12 Uhr von allen Seiten. "Klein-Istanbul" trifft sich auf dem Basar. Die türkische Großfamilie kommt: vorneweg das Familienoberhaupt, der Vater, ihm folgt die ganze Familie. Hager die Männer, fast immer rundlich die Frauen. Beim Lachen entblößen sich Reihen von Goldzähnen. Dunkle, auf der Stirn gefaltete Kopftücher verleihen Würde. Ausgeräumte Kinderwagen dienen zum Transport des Großeinkaufs.

Eine große Kinderschar hilft wohlerzogen und dolmetscht. Denn auch ein paar Berliner haben hier ihre Stände aufgeschlagen. In Berlin leben 120 000 Türken, allein in Kreuzberg 26 000: Die Händler rechnen sich guten Gewinn aus. Und sie kommen auf ihre Kosten. Mancher hat einen kleinen Türkenjungen engagiert, der für Verständigung mit der fremdländischen Kundschaft sorgt.