Domani a Bozen!

Dieser Stoßseufzer wird in Italien wohl bald so bekannt sein wie die originale, ständig wiederholte Schreckens-Vision in Thomas Bernhards Komödie "Die Macht der Gewohnheit": "Morgen in Augsburg!" Bei der italienischen Premiere in Mailand, durch das Ensemble "Il Gruppo della Rocca", der ersten Aufführung eines Stückes von Bernhard jenseits der Alpen, provozierte die Mischung aus Italienisch und Deutsch (Umberto Gandini und Jörn Schnell übersetzen "Bozen" ja nicht in "Bolzano") von Anfang an einen Heiterkeits-Erfolg.

Wer denkt noch europäisch?

Nicht der Merkur stecke in einer Krise, sondern der Merkur werde von der Krise (der Rezession nämlich) betroffen. So heißt es im Dezemberheft der "Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken". Will heißen: der Merkur erscheint nicht mehr monatlich, sondern alle sechs Wochen; statt der zwölf Hefte im Jahr wird es nur noch acht geben. Zwar sucht die Zeitschrift ihre Freunde mit der Zusicherung zu beruhigen, die veränderte Erscheinungsweise werde nur so lange beibehalten, wie es die wirtschaftliche Situation notwendig mache, außerdem werde dadurch eine Erweiterung des Umfangs auf 120 Seiten möglich. Aber erstens sind das immer noch rund zweihundert Seiten pro Jahr weniger, und zweitens ist der Hinweis auf die Wirtschaftskrise leider auch ein Krisenzeichen: dafür, daß traditionelle Kulturzeitschriften mit einem schwindenden Interesse zu kämpfen haben. Die Generation der Frankfurter Hefte, der Neuen Deutschen Hefte, der Neuen Rundschau, des Monat ringt ums Überleben. Mag sein, daß solche dem klassischen Essay verpflichteten Schriften immer nur für wenige da sind. Kann aber auch sein, daß ihre Leserschaft altert und daß die Jungen lieber das Kursbuch lesen oder den Freibeuter oder eine der zahllosen alternativen Zeitschriften. Insofern wäre die Krise, die den Merkur trifft, auch eine, in der er steckt.

"Faust"-Geschichten als Geschichte

Das Redaktionskollegium des Neuen Deutschland tobte, Alexander Abusch im Sonntag, Zeitschrift des Kulturbundes, denunzierte den Künstler vehement. Lediglich der Freund Bertolt Brecht goß Öl auf die Wogen, die nicht zuletzt ein Aufsatz von Ernst Fischer in Sinn und Form noch höher gepeitscht hatte: Das war im Jahr 1952 und die Diskussion ging um des DDR-Nationalhymnenkomponisten Hanns Eislers Stück "Johann Faustus". Fischers Interpretation (Faust als deutscher Humanist und Renegat) und sein Befund, hier habe endlich einmal einer die deutsche Geschichte als Gang in die Misere begriffen, konnte den auf Optimismus eingeschworenen Kulturfunktionären der DDR, die ja genau umgekehrt die Geschichte als einen einzigen Kampf gegen die Misere zu lehren suchten, nicht akzeptabel sein. Das war nach dem Verbot der Barlach-Ausstellung eine der vehementesten Kulturdebatten in der DDR der fünfziger Jahre. Sie endete mit dem Rückzug des Paß-Österreichers Eisler nach Wien. Er hatte für seine "Faust"-Oper keinen einzigen Liedtext mehr komponieren können und nur noch wenige Orchesterpassagen – er starb während der Arbeit daran. Nun hat ausgerechnet das von Brecht gegründete Berliner Ensemble eine halbe Rücknahme der Rücknahme auf die Bühne gebracht: Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert inszenierten Eislers Libretto als Theaterstück. Lediglich seine Ouvertüre zu Johannes R. Bechers "Winterschlacht" erklang, dann einige Lieder eines anderen Komponisten. Eine späte Rechtfertigung für den großen Hanns Eisler und gleichzeitig eine posthume Demütigung doch auch.

Joachim H. Koch

Außenseiter waren und sind es, denen wir verdanken, daß es Exilforschung in der Bundesrepublik überhaupt gibt. Schon als Student hat Hans Albert Walter die Germanistik durch seine Studien über Leben und Schreiben in der Emigration beschämt. Selbst dreißig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik und nachdem es Institute und Lehrstühle für dieses Jahrhundert-Thema gab, machte noch einmal ein Nicht-Fachmann den Spezialisten vor, wie man über das Exil und die dort entstandenen Werke auch schreiben kann. Weil der in der Werbebranche arbeitende Joachim H. Koch es "recht ärgerlich fand, daß es kein Forum über die Literatur, das Theater, die Malerei der schlimmen Zeit von 1933 bis 1945 gibt", gründete er vor einem Jahr die Zeitschrift Exil-Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse. Die beiden Hefte von je rund 100 Seiten mit kenntnisreichen Aufsätzen, Erinnerungen, Analysen haben gezeigt, wie man der noch immer zu wenig bekannten Literatur des Exils auch Leser gewinnen kann. Nun ist Koch, der sich in der Arbeit für seine Zeitschrift nicht geschont hat, im Alter von 45 Jahren gestorben. Seine Frau, Edita Koch, eine ausgebildete Germanistin, will die Zeitschrift weiterführen (Anschrift der Redaktion: Goethestraße 122, 6457 Maintal).