Von Carola Stern

Die Daten reizen zum Vergleich: 1913, das Todesjahr von August Bebel, ist das Geburtsjahr Willy Brandts. 1882 enden Bebels Memoiren, 1982 erscheint der erste Teil der Erinnerungen Brandts:

Willy Brandt: "Links und frei Mein Weg 1930-1950", Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1982, 462 S., 39,80 DM.

Kein anderer SPD-Vorsitzender außer diesen beiden hat Erinnerungen geschrieben. Doch der Versuch, Brandts und Bebels Memoiren zu vergleichen, scheitert; zu verschieden sind die beiden Leben, die Zeiten, die Verhältnisse. Bebel kam fast nie aus seinem Vaterland heraus; er beschreibt die ersten beiden Jahrzehnte des deutschen Sozialismus. Brandt, aus seinem Vaterland geflüchtet und zum Weltbürger geworden, beschreibt ein Stück des europäischen Sozialismus. Bebel erlebt den Aufstieg der SPD zur stärksten Partei im wilhelminischen Deutschland und in der Zweiten Internationale. Als er stirbt, stehen ihr die Herausforderungen, die Bedrohungen noch bevor. Zu selbstkritischen Reflexionen und der Revision früher Überzeugungen hat Bebel wenig Grund gehabt; er konnte sich bestätigt fühlen. Ganz anders Willy Brandt. In seine Jugend fällt der Aufstieg Hitlers, er erlebt Niederlagen und Katastrophen der Arbeiterbewegung in allen Teilen Europas, Augenblicke, in denen er zweifelt, ob der Sozialismus überlebt. Ein solcher Mann, heute nahe dem siebzigsten Lebensjahr, wird bis zum Ende seines Lebens tief betroffen den Ursachen nachforschen.

Angefangen mit Adenauer und nur George F. Kennan, den amerikanischen Diplomaten ausgenommen – fast alle Memoirenautoren aus der Politik schreiben nicht gut genug. Auch Brandt ist keiner, der Worte gestaltend hin und her bewegt, auf den Rhythmus seiner Sätze achtet, häufig umschreibt und lebendig porträtiert. Ihm fehlen Anschaulichkeit, Liebe zum Detail – ihm fehlt Zeit zum Schreiben. Nachts auf Wahlkampfreisen schreibt fast keiner gut. Brandt hilft sich da müde über schwere Stellen mit langweiligen Leitartikeln hinweg. Hat er zum Beispiel unter solch widrigen Bedingungen beschrieben, wie er 1945 zurück nach Deutschland kam? Städte, die er wiedersieht, Menschen, denen er begegnet, das Zusammentreffen mit der Mutter nach der langen Trennung – die Schilderung bleibt blaß.

Schon aus seinen früheren Büchern wissen wir, daß Brandt kein Autobiograph ist. Dieser Politiker, der wie kein zweiter Gefühle zu erwecken weiß, sagt uns über seine eigenen wenig, spart das ganz Persönliche, das Private aus und bettet seinen Lebenslauf ein in Zeitgeschichte und zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das geht an einigen Stellen so weit, daß uns die Person, vor allem der junge Brandt, völlig aus dem Blick gerät. Wir hätten gerne mehr von ihm, dem Kind und dem Heranwachsenden, erfahren und dafür auf Kapitel zur Geschichte der ersten Republik verzichtet, weil derlei Kenntnis auch aus Geschichtsbüchern erworben werden kann. Die besten Kapitel dieses Buches stammen von dem Augenzeugen, nicht von dem Autobiographen Brandt.

Spricht er von sich selber, neigt er dazu, die Gefühle einzuebnen. Man lese, mit welchen drastischen Vokabeln Bebel gegen Jean Baptist von Schweitzer wettert! – Brandt wird niemals grob. Über ihn und Herbert Wehner heißt es, sie Wehner "eine ungewöhnliche Weggenossenschaft". Zu Franz Neumann, dem Widersacher der Berliner Nachkriegsjahre, "wuchs kein vertrauensvolles Verhältnis" – eine sehr zurückhaltende Beschreibung für ein haßerfülltes Konkurrenzverhältnis. Der einst enge Freund aus der Sozialistischen Arbeiter-Partei, Jacob Walcher, wird zu einem "sympathischen Schwaben", und sich an eine Leidenschaft in jungen Jahren erinnernd, spricht der Autor scheu von jener Rosa, zu der er sich "hingezogen fühlte". "Sein persönlichstes Buch", wirbt der Verlag.