Von Horst Bieber

Hannover, Ende November

Ein Jahrzehnt besteht die Drei-Buchstaben-Organisation bereits, doch sein Jubiläum feierte der "Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz" (BBU) am vergangenen Wochenende so nüchtern und geschäftsmäßig, als sei man froh, die Kinderjahre endlich hinter sich zu haben. Der Tagungsort der Mitgliederversammlung, eine knallgelbe Gesamtschule von der Heimeligkeit einer Lehrmittelfabrik, war auch nicht dazu angetan, Stolz auf das Geleistete zu demonstrieren. Allenfalls etwas Genugtuung klang bei einigen der rund hundert Delegierten durch: daß man es "geschafft" habe, zusammenzubleiben und ein Faktor der (Umwelt-)Politik zu werden, den die Parlamente und Behörden nicht länger zu ignorieren wagen.

Der Umzug des BBU-Büros von Karlsruhe nach Bonn – und viel mehr als ein Büro ist dieser "Verband" nicht – scheint ein Selbstvertrauen zu belegen, das die "Funktionäre" schon lange besitzen, das vielen Mitgliedsinitiativen indes noch abgeht. Sie empfinden immer noch den Widerspruch zwischen einer Initiative, die spontan entsteht, lokal und thematisch begrenzt ist, und einer – wenn auch lockeren – zentralen Organisation; sie sorgen sich, daß "die da oben von der Basis abheben". Aber nach zehn Jahren setzt sich doch die Einsicht durch, daß beides nötig ist, die Arbeit am Ort und die bundesweite Aktion. Der "Wechsel von der kurzen Hose zum ersten Anzug", so formulierte es ein Delegierter, läßt sich nicht länger hinausschieben. Der BBU strebt ein breites Bündnis mit allen außerparlamentarischen Kräften an; die schmale Plattform einer "Anti-Kernkraft-Bewegung" hat er längst verlassen. Auf dem Wege zu einer "Ökologie- und Alternativbewegung" (Vorstandssprecher Jo Leinen) werde der BBU immer mehr zu einem Spiegelbild der öffentlichen Diskussion. Und diese Debatte über die Zukunft der Industriegesellschaft habe erst jetzt richtig begonnen.

Nicht alle Initiativen werden diesen Weg mitgehen. Aber Austritte und Zugänge hat es immer gegeben, seit der "Bundesverband" gegründet wurde – wie überhaupt das Wort "Verband" leicht in die Irre führt. Es hat nie eine Führung oder Lenkung von oben gegeben, der BBU war eine Art Briefkasten oder zentrale Auskunftsstelle für die einzelnen Initiativgruppen, die darüber wachten, daß es bei dieser Unverbindlichkeit auch blieb. Deswegen ist auch die Frage nach der Mitgliederzahl müßig. Rund 1050 Initiativen mit etwa 300 000 Mitgliedern kann der BBU "erreichen", aber nicht mobilisieren: Davor steht die autonome Entscheidung der einzelnen Gruppen, die ihre Selbständigkeit eifersüchtig wahren. Und längst nicht alle Initiativen gehören dem BBU an, auch wenn sie sich mit Umweltfragen befassen; im Süden der Bundesrepublik ist der Organisationsgrad größer, im Norden geringer.

Die Initiativen sind die legitimen Politik-Kinder der sozialliberalen Koalition nach Willy Brandts Versprechen, "mehr Demokratie zu wagen", freilich in einer anderen, eher basisdemokratischen Auslegung, die Selbständigkeit der Gruppe über das Gewicht der Großorganisation stellt. Wo es um ein konkretes Projekt geht – ob Autobahn oder Chemiefirma oder fehlender Kindergarten –, macht diese Eigenständigkeit Sinn. Die großen und überregionalen Themen, von der Luftverschmutzung bis zur Grundwasserverschwendung, erfordern aber organisierte landes- oder bundesweite Aktion. Und dieser Zwang beißt sich mit dem Ursprung der Initiativenbewegung, der spontanen Reaktion persönlich Betroffener.

Vor diesem Erfahrungshintergrund befaßte sich die Jubiläumsversammlung mit drei Komplexen: mit den Themen, mit der Krise der Aktionsformen und mit der Frage: Was wurde eigentlich umgesetzt?