Nichts gegen Freaks. Wir brauchen sie. Die Reichen und die Superreichen, der Hunger in der Welt, die Raketen, der Giftregen, die toten Fische, der Kommunismus, der Kapitalismus, Friedrich Zimmermann, die FDP – kurz: alle Übel dieser Erde verlangen zu ihrer Beseitigung geradezu nach Grünen, Alternativen und Friedensbewegten. Die Welt braucht Freaks. Trotzdem wünsche ich sie zum Teufel.

Ihretwegen habe ich einen Bauch, Schlafstörungen, drei Punkte in Flensburg und Krach mit meiner Freundin. Als Lokalreporter dazu verdammt, über die zahlreichen Umtriebe meiner alternativen Freunde im Rhein-Main-Gebiet zu berichten, habe ich vor allem eins gelernt: Wenn sie sagen, daß sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem ganz bestimmten Ort ein ganz bestimmtes Vorhaben zu realisieren gedenken, dann sind sie entweder zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort, oder sie waren schon da (dies allerdings selten), oder sie kommen später, vielleicht auch gar nicht (der häufigste Fall), oder sind an einem anderen Ort und machen ganz was anderes (typisch); Freaks sind nämlich spontan. Und ich bin der Lackierte.

Ein Beispiel: Drei Tage lang hintereinander kündigen sie an, daß am Donnerstag, 16 Uhr, die Umweltstafette nach Köppern kommt, auf dem Dorfplatz ein Spektakel aufführt und dann mit den Rädern zum Munitionsdepot der Amis fährt. Am Donnerstag, 16 Uhr, stehen der Photograph und ich allein auf weiter Flur. Eine gute Stunde später kommen sie dann. Während dieser Stunde saß ich mit dem Photographen im Café und trank ein Bier und einen Kaffee nach dem anderen. Folge: Bierbauch, Schlafstörungen.

Ein anderes Beispiel: Die Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung gibt bekannt, daß am Freitagabend um halb acht das Plenum zusammenkommt. Kurz nach halb neun fangen sie tatsächlich an. Erster Gedanke: Zur Verabredung mit P. werde ich wohl zu spät kommen. Um nicht viel zu spät zu kommen, fahre ich, kaum ist die Veranstaltung beendet, wie ein Henker und bekomme prompt Ärger mit den anderen Grünen, muß ins Röhrchen blasen, Bußgeld zahlen, kassiere meine Punkte, komme nun noch später – P. ist sauer.

Seitdem bin ich für Pünktlichkeit und Fleiß und Ordnung, jawoll, denn das mit der grünen Schußligkeit ist eine Pest. Die beiden Beispiele stehen ja nur stellvertretend für viele. Daß es sich bei der Pünktlichkeit um eine "Sekundärtugend" handelt, mit der man auch ein KZ betreiben kann, ist mir wurscht. Lieber ein analer Charakter, auf den man sich verlassen kann wie auf Helmut Schmidt, als ein oraler Lust-Sponti, der einen ständig im Stich läßt. Ein "Grüner Helmut", das wäre die Forderung der Stunde! Aber wahrscheinlich ist das ein schwarzer Schimmel.

Bei einer Öko-Friedensgruppe, die ich schon länger kenne und aus Gründen des Datenschutzes nicht näher lokalisiere, gehört es nicht nur zum guten Ton, die anderen warten zu lassen, nein, man hält da Schlamperei auch für kreatives Chaos. Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, wichtige Unterlagen werden überall liegengelassen, und Zigarettenkippen läßt man grundsätzlich fallen, wo man gerade geht oder steht. Schließlich hat man eine Putzfrau. Man setzt sich ja in nächtelangen Diskussionen für ihre Gleichberechtigung und Menschenwürde ein. Umweltschutz schafft Arbeitsplätze, und sie hat sich bisher nur einmal beschwert über die Kippen, die in der Schreibmaschine landen.

Auf einer der letzten Sitzungen beklagte sich der Vorsitzende, daß eine geplante Veranstaltung zu den Überlebensfragen nicht zustande gekommen war. Warum? Weil einige verschlafen hatten und somit der Veranstaltungshinweis nicht rechtzeitig in die Presse kam; weil andere, die zugesagt hatten, Flugblätter zu verteilen und Plakate zu kleben, unauffindbar waren. Und schließlich hatte der für die Veranstaltung Hauptverantwortliche gerade seine Freundin für ein paar Tage bei sich und darum Höheres im Kopf als Überlebensfragen.