Von Horst Ibelgaufts

Angefangen hatte alles damit, daß an die Katzen eine rohe Gurgel mit anhaftender Speiseröhre verfüttert wurde, im guten Glauben, es handele sich um das Geschlinge eines Rindes. Drei Tage später ging es los. Einige Tiere waren merkwürdig still, fraßen und tranken nichts und begannen zu speicheln.

"Immerhin handelt es sich um edle Rassekatzen, da will man ja nichts falsch machen", sagte der Tierarzt in der Abteilung für Innere Medizin der Münchener Universitätstierklinik am Freitagabend beim Anblick der beiden dreieinhalb Monate alten kranken Kartäuserkätzchen. Fiebermessen, kurzes Abtasten. Nach einer ausführlichen Untersuchung also, dem Verdacht auf Gastritis, mit Kamillenteetabletten bewaffnet, den beiden vierbeinigen Patienten im Transportkoffer, um 35 Mark leichter, aber nicht erleichtert, zieht der Besitzer wieder ab.

Wieder zu Hause erbrechen und jammern die Tiere die ganze Nacht hindurch. Ein Kätzchen stirbt am Morgen gänzlich verkrampft auf dem Untersuchungstisch der Klinik, unter den erstaunten Ausrufen des Arztes, der sich wundert, warum bei der Blutabnahme kein Blut mehr kommt. Der vom Katzenhalter geäußerte Verdacht auf eine durch den Genuß des rohen Fleisches ausgelöste Virusinfektion wird kurzerhand abgewiesen.

Das andere Tier haucht noch in der Nacht am Tropf sein kurzes Katzenleben aus. Ein drittes Kätzchen beginnt zu maunzen, jammert eigentümlich, ist geistig abwesend, speichelt stark und hält das Köpfchen schief. Die Pupillen sind unterschiedlich groß. Das kleine Häufchen Elend versucht sich alle ein bis zwei Minuten wie ein Kaninchen aufzurichten und mit den Vorderpfoten zu putzen. Die Katze verkrallt sich im Scnnurrhaarkissen und läßt erst los, wenn sie umfällt.

Diesmal geht es zu einem praktizierenden Tierarzt etwas außerhalb der Stadt. "O mein Gott, das wird doch wohl nicht Aujeszky sein?"*

Man ahnt Schlimmes. Das Tier wird gründlich untersucht und bekommt Medikamente. Eine von weiteren sechs erwachsenen Katzen, eine Perserkatze, die tagsüber ebenfalls angefangen hatte zu speicheln, erhält die gleiche Behandlung. Bis halb elf Uhr abends beobachten Tierarzt und Besitzer die Tiere noch in der Praxis. Alle noch gesunden Katzen erhalten prophylaktisch ein eilig von der Herstellerfirma in der Nähe Münchens gebrachtes Medikament, das den Weg aus der Humanmedizin in manche Tierarztpraxen gefunden hat: Ära A, so der Name des Wirkstoffs, ist ein Mittel gegen Herpesviren, drückt bei menschlichen Patienten mit schweren Herpesvirusbefall des Nervensystems die Sterberate auf etwa 30 Prozent – wenn es nicht zu spät verabreicht wird.