Vor unserer Abreise hören wir: "Bitte nicht schon wieder einen dieser Jubelberichte über die glorreiche Revolution in Nicaragua!" Die Verfasser solcher Jubelberichte sitzen unverkennbar in der Lobby des Hotels Intercontinental in Managua: Journalisten aus der Schweiz, Jugoslawien und aus Kalifornien. Sie tragen eine selbstentworfene Uniform – Safari-Jacke, Kampfhose, bei den herrschenden Temperaturen erstaunliche Lederstiefel und T-Shirts mit dem Aufdruck "Nicaragua Libre" oder "Nicaragua 82". Ihre Kameras mit den stets montierten Teleobjektiven tragen sie lässig über die Schulter geschlungen wie ein Gewehr; die Kalifornier sehen aus wie blonde Abzüge von Fidel Castro, den sie alle einmal kennengelernt haben wollen. Neben den sanften, humorvollen männlichen Einwohnern Nicaraguas wirken sie allesamt wie Karikaturen des legendären lateinamerikanischen Machismo, dessen alleinige optische Vertreter sie in Managua sind.

Managua ist keine Stadt. Es fällt einem schwer zu glauben, daß hier jemals eine stand. Seit dem Erdbeben gibt es eine einzige Kathedrale, und die hat kein Dach mehr. Sonst gibt es die vielen barrios aus Wellblech- und Holzhütten, ein paar Mittelklasse-Wohngegenden, den mercado oriental, zahlreiche Kasernen und das neunstöckige Hotel Intercontinental. Dieses Gebäude ist, mangels jeglicher Konkurrenz, so sehr zum sozialen Zentrum Managuas geworden, daß es auf Werbeprospekten des staatlichen Tourismus als Wahrzeichen für die Hauptstadt verwendet wird wie anderswo der Eiffelturm oder das Riesenrad im Wiener Prater. Daraus erklärt sich auch, warum das Interconti, eigentlich Symbol des internationalen Kapitals, mittlerweile verwurzelt ist in der Revolutionsgeschichte Nicaraguas. Das Dachrestaurant war während der Aufstände wegen seiner Höhe und seiner strategischen Nähe zum "Bunker" Somozas ein wichtiger improvisierter Militärstützpunkt. In der Lobby ergaben sich nach der Kapitulation Hunderte von Nationalgardisten, ihre hastig abgeworfenen Waffen verwandelten das Hotel kurz in ein Arsenal.

Heute kauft man am Zeitungsstand des Hotels Solidaritätspostkarten für die Rebellen in El Salvador und Aufrufe zum bewaffneten Kampf in Zentralamerika; neben den Broschüren über die finsteren Machenschaften des CIA liegen die neuesten Ausgaben von Cosmopolitan oder Vogue. Man wechselt seine Dollar in der Hotelbank zum offiziellen Kurs von 10 Cordobas für den Dollar oder geht in die staatlich lizenzierten Wechselstuben gegenüber und bekommt dort den kurioserweise ebenfalls offiziellen Kurs von 28 Cordobas. Taxifahrer geben 30 und im Markt bekommt man sogar 45 Cordobas für einen Dollar. Dieser Schwarzmarkt ist zwar illegal, wird aber nicht geahndet.

Liberalität, von der man nicht genau weiß, ob sie auf Toleranz zurückzuführen ist, oder auf das allseits herrschende Chaos, bestimmt auch sonst den Alltag in Nicaragua. Oft ist die Improvisierung einleuchtend und intelligent; das öffentliche Verkehrssystem übertrifft zum Beispiel, was Wartezeiten und Preise anlangt, jede Industrienation. Die Busse fahren in kurzen Abständen und kosten einen Cordoba. Dafür muß man bereit sein, den Begriff "Bus" locker zu definieren. Manchmal sind es ausrangierte kleine gelbe Schulbusse, auf deren Seite noch in großen schwarzen Buchstaben der Name der nordamerikanischen Kleinstadt steht, deren Kinder einst darin transportiert wurden. Manchmal sind es Lastwagen, VW-Kleinbusse oder Militärtransporter, durch ein Pappdeckelschild mit der Liniennummer gekennzeichnet. Oft ist es nicht Phantasie, sondern einfache Schlamperei, die den Ablauf staatlicher Handlungen markiert und dazu verführt, Nicaragua als die zum Staat gewordene Unordnung zu beschreiben.

Der Umgang mit der Presse ist zum Beispiel der Regierung wichtig und wird daher mit einigem Aufwand betrieben. Es wird ein Pressebüro eingerichtet, komplett mit Telex, internationalen Telephonleitungen und hilfreichen, mehrsprachigen PR-Leuten. Interviews, Konferenzen, alles wird gut organisiert. Nur der Kulminationspunkt dieser ganzen Mühen und Anreisegrund der meisten Journalisten wird ein Fiasko. Um 4 Uhr morgens werden die 300 ausländischen Journalisten von ihren Hotels eingesammelt, angeblich um rechtzeitig nach Masaya zu den Feiern der Unabhängigkeit gebracht zu werden. In Wirklichkeit aber werden sie vier Stunden lang am Flughafen auf den Aussichtsbalkon gestellt, um die Landung des venezolanischen Präsidenten Herrera zu bejubeln. Herrera ist für Nicaragua furchtbar wichtig, man verspricht sich von verbesserten Beziehungen die Rettung aus der Energiekrise, und da ist offenbar ein Beamter auf die Idee gekommen, den wichtigen Gast mit dem Anblick der "internationalen Presse" zu empfangen. Müde, gelangweilt und verärgert, weil sie als Statisten mißbraucht wurden, kommen die Journalisten schließlich in Masaya an – wo sie feststellen, daß sie über einen Zaun klettern müssen (der Reihe nach stürzen Korrespondenten, unathletisch und mit schweren Filmkameras behindert, dabei auf den Boden), um eine winzige Pressetribüne zu erreichen, auf der höchstens 30 Personen Platz finden können.

Daß die Presse darüber nicht ärgerlich wurde, sondern mit nachsichtigem Kopfschütteln reagierte, erklärt sich daraus, daß die Staatsführung hier ein wenig an das Unterhaltungsprogramm beim Elternabend in einer Volkshochschule erinnert: Die Vorführung ist gut gemeint und enthusiastisch veranstaltet, aber vollkommen stümperhaft.

Duldsamkeit kann sich sogar in Sympathie verwandeln, wenn die Nicaraguaner eine weitere nationale Eigenschaft ins Spiel bringen: ihre entwaffnende Offenheit. Beamte drängen einem Statistiken über die steigenden Defizite auf. Direktoren führen einleitend ihre fachliche Uneignung für ihr Amt an. Das Außenministerium antwortet auf die Frage: "Was hat sich nun wirklich für die meisten armen Leute in den letzten drei Jahren geändert?" mit einem bedauernden Seufzer: Leider nicht sehr viel. In einer Welt, wo man bei Recherchen meistens eher mit Glanzdruckbroschüren, mit großartigen Fünf-, Sieben- und Zehnjahresplänen und aufgeschwollenen Amtsautokraten zu tun hat, sind die Nicaraguaner eine erfrischende Abwechslung.