Von Hanno Kühnert

Der Richter Vultejus ist doch ein unmöglicher Typ! Das ist ein ganz unqualifizierter Jurist. Ein Mann mit ungeheurem Geltungsbedürfnis. Der hat jetzt sein Herz für die Linksbewegung entdeckt. Ich bin auch schon auf den reingefallen. Ein Psychopath mit netten Seiten. Lassen Sie bloß die Hände von ihm!"

So tönt es von vielen Seiten in der niedersächsischen Justiz, wenn man höhere und hohe Kollegen des Amtsrichters Ulrich Vultejus über dessen Person befragt. Aber durch die Schwierigkeiten beim Schreiben eines Richterporträts wird der Mann nur noch interessanter: Glänzende, eindrucksvolle Essays in linken Publikationen; unkonventionelle, aber zutiefst vom Geist des Grundgesetzes inspirierte Gedanken, durchaus warme Urteile anderer Richterkollegen, eine Latte von Disziplinarverfahren, Tätigkeiten in der Gewerkschaft ÖTV und in der Humanistischen Union – das sind alles Elemente, die nahelegen, zu untersuchen, warum dieser Mann so angeschwärzt wird, wenn Richter merken, daß er öffentlich porträtiert werden soll.

Ulrich Vultejus, 56 Jahre alt, ist ein freundlich, fast gemütlich wirkender Mann. Braune Augen über buschigen Brauen, schütteres, längliches Haar, ein Schnauzbart, im Mund fast immer die Pfeife, offenes Hemd, irgendwelche Cordjacken – er könnte ein Künstler sein; einen norddeutschen Richter würde man in ihm nicht vermuten. Daß dieser rötliche Fisch die reichlich schwarze niedersächsische Richterschaft, in der er schließlich zu schwimmen hat, graust – wen wundert’s? Nur: Ist Vultejus schlimm? Oder ist er vielleicht dringend notwendig?

Den letzten Disziplinarärger hatte Vultejus im September: Da wurde nach langern Hin und Her und einem letztinstanzlichen Beschluß des "Niedersächsischen Dienstgerichtshofes für Richter" ein Verweis rechtskräftig, den sich Vultejus vom Präsidenten des Oberlandesgerichts Celle zugezogen hatte, weil Vultejus "mit seinem Verhalten nicht der Achtung und dem Vertrauen gerecht geworden" sei, die sein Richterberuf erforderten. Vultejus habe die Grenze der für einen Richter zulässigen politischen Betätigung dadurch überschritten, daß er öffentlich und unter Hinweis auf sein Richteramt während eines schwebenden Rechtsstreits für ein aktives Mitglied der DKP Partei ergriffen habe.

Mit vielen anderen, aber als der einzige Richter, hatte Vultejus eine Zeitungsanzeige unterschrieben, "Kein Berufsverbot für Matthias Wietzer!", die am 28. November 1980 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gedruckt wurde. Der Aufruf erschien kurz vor der Gerichtsverhandlung des Lehrers gegen das Land. Kollegen, die Vultejus wohlwollen – auch davon gibt es genug –, werfen ihm vor, daß er gelegentlich solche Konflikte ganz allein und narzißtisch durchziehe, wo er doch hundert Kollegen hätte finden können, die mit ihm mitgemacht hätten. In Berlin haben 138 Richter und Staatsanwälte eine Anzeige gegen die Raketenstationierung unterschrieben – ohne disziplinarische Folgen,

Nun, der Verweis seines Oberlandesgerichtspräsidenten hält Vultejus nicht davon ab, es auch in Zukunft mit seiner richterlichen Unabhängigkeit, die er auch als Unabhängigkeit von der Justizverwaltung versteht, ernst zu nehmen. Schließlich trat er in der Anzeige für den Erhalt eines Arbeitsgerichtsurteils ein, das dem Land aufgab, den Lehramtsanwärter einzustellen. In der Lobrede auf Vultejus, der 1981 den Fritz-Bauer-Preis erhielt, arbeitete der Hannoveraner Anwalt Werner Holtfort die Absurditäten der diversen Disziplinarverfahren gegen Vultejus heraus, mit denen die niedersächsische Justiz den unbequemen und immer wieder "auffälligen" Richter endlich disziplinieren will.