Von Hans-Peter Riese

Fast wirkt es wie eine gesuchte ironische Pointe: Während in Düsseldorf der sowjetische Staatskünstler Deineka ausgestellt wird und der sozialistische Realismus gleichsam das Testat "salonfähig" erhält, ist wenige Kilometer weiter, in Duisburg, zu besichtigen, welche Gipfel der Kunstgeschichte die russischen Maler einst erklommen hatten. Zehn Jahre lang hat Siegfried Salzmann, der Direktor des desLehmbruck-Museums darum gekämpft, die erste umfassende Ausstellung des Ehepaares Alexander Rodtschenko (1891-1956) und Warwara Stepanowa (1894-1958) ausrichten zu dürfen. (Daß gleichzeitig mit der Rodtschenko-Ausstellung in Duisburg eine vielbeachtete Lehmbruck-Ausstellung in der Sowjetunion gezeigt wird, ist ein glücklicher Zufall). Vor allem Rodtschenko, das beweist diese Ausstellung in exemplarischer Art und Weise, gehört zu den genialen Begründern der Moderne zu Beginn dieses Jahrhunderts

Wie bei vielen anderen russischen Avantgardisten, etwa Tatlin, Lissitzky oder Majakowski, kann man auch bei Rodtschenko kaum zwischen "freier" und "angewandter" Kunst unterscheiden. Zusammen mit Wladimir Tatlin, seinem großen Anreger und Freund, war Rodtschenko ein Anhänger des "Konstruktivismus", der mit der herkömmlichen Vorstellung von Kunst gebrochen hatte. Auch Rodtschenko hat zahlreiche Manifeste und Aufrufe verfaßt und unterschrieben, denen sich immer wieder das Verdikt findet: "Nieder mit der Kunst!" In seinen Losungen für das Lehrfach Konstruktion an der Wchutemas-Kunstschule in Moskau, den dem Bauhaus vergleichbaren "Höheren Staatlichen Künstlerisch-Technischen Werkstätten", schrieb Rodtschenko 1921: "Der Künstler unserer Epoche ist ein Mensch, der sein Leben, seine Arbeit und sich selbst zu organisieren vermag. Man muß für das Leben arbeiten, nicht für die Paläste, Kirchen, Friedhöfe und Museen."

Es war die Ideologie der siegreichen Revolution, der sich diese Künstler angeschlossen hatten, und es war der Aufbau der neuen Gesellschaft, der sie sich verschrieben, in dem sie ihre Kunst aufgehen lassen wollten. Rodtschenko hörte, wie Tatlin, 1920 mit der Malerei auf, um sich nur noch der "Konstruktion" zu widmen, Graphik, Typographie, Photographie, Industriedesign, um nur einige Gebiete zu nennen, denen er sich zuwandte, füllten nun sein ganzes Leben aus. Die sowjetische Kunstgeschichtsschreibung hat bis heute vor allem diese Periode seines Schaffens hervorgekehrt, fast ausschließlich die Arbeitsergebnisse des "angewandten" Künstlers verbreitet und ausgestellt.

In Duisburg wird nun der geniale Maler Rodtschenko in sein historisches Recht eingesetzt. Die schwarzen Bilder, kreisförmige und elliptische Formen in monochromem Schwarz, hat Rodtschenko 1919 auf der Ausstellung "Das gegenstandslose Schaffen und Suprematismus" gezeigt, wo auch Malewitschs berühmte Bilder "Weiß auf Weiß" hingen. Rodtschenko hat die Befreiung der Farbe als eine der größten Leistungen der Gegenstandslosigkeit angesehen und konsequent die Monochromie als den Gipfel einer solchen Malerei: "Die letzte Etappe in dieser Arbeit war die Errungenschaft der monochromen Intensität innerhalb der Grenzen einer Farbe und ihrer spezifischen Intensität (nicht stärker und nicht schwächer)."

Der zeitliche Ablauf in der Duisburger Ausstellung zeigt, daß Rodtschenko schon seit 1912 konsequent den Weg in die Gegenstandslosigkeit gegangen ist, daß ihn die Konstruktion, das Interesse an der Technik und die Trennung von tradierten Inhalten zugunsten der utilitaristischen Zweckbindung der Kunst zu vollkommen freien Formen befähigte, die weit in die Moderne hineinweisen und ihn als einen ihrer Wegbereiter erkennen lassen. Leider hat man dem Lehmbruck-Museum verweigert, was die Kölner Galerie Gmurzynska im vergangenen Jahr als Sensation präsentieren konnte: Das "Triptychon Reine Farben: Rot/Gelb/Blau", Rodtschenkos Durchbruch zur reinen Monochromie, ohne jede Form. Zwar hat der Maler dazu geschrieben, nunmehr sei "alles zu Ende", er habe "die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht", aber dieser subjektive Eindruck nimmt der Leistung nichts von ihrer objektiven, geschichtlichen Bedeutung.