Der Eigner der Yacht, der Kapitän sozusagen, wurde getötet, seine Freundin mit ihm. Ein Dritter wurde verletzt. Die "Todesschüsse auf der Apollonia", ausgelöst am 13. Dezember vorigen Jahres, auf einer Fahrt über den Atlantik, haben nun in Bremen zum Schwurgerichtsprozeß geführt. Der Fall ist aktuell; spektakelhaft neu ist er nicht.

Die Geschichten von Meuterei, Totschlag und Mord an Bord sind so alt wie die Seefahrt selbst; und wer das Seemannsgarn, in das die Wahrheit eingewickelt ist, entwirrt, findet immer wieder zwei Archetypen, um die sich das Unheil dreht:

Nichts konnte man ihm recht machen, dem ehrgeizigen Assi, dem Maschinistenassistenten, der im Kesselraum die Aufsicht führte. Er stand auf der untersten Sprosse seiner Karriereleiter; über die Heizer und Kohlentrimmer seiner Wache jedoch herrschte er wie ein Sklavenhalter, bis jemand ihm die Schaufel auf den Kopf schlug und er im Feuerloch verschwand. Der Antreiber.

Und die Unke. Jede Nacht, als sie auf der Reise, deren Ziel noch irre fern unter dem Horizont lag, in der Flaute dümpelten, hörten die Leute im Logis das Lamento des Segelmachers. Er war auf See ergraut, hatte auf ihrer Bark aber zum erstenmal angeheuert, tappte an Deck über ihren Kojen umher und krächzte vor sich hin, daß ihr Schiff ein Unglücksschiff und, sein und ihrer aller verdammtes Ende unausweichlich nah sei. Sie haben ihn erwürgt und achteraus geworfen.

Beide Geschichten wurden in tausendundeiner Variation überliefert. Kein Seemann fand Grund, sie zu bezweifeln. Der aktuelle Fall, soweit man es den Berichten aus dem Bremer Gerichtssaal entnehmen kann, unterscheidet sich von ihnen nur in einem:

Der Antreiber war zugleich die Unke und in solcher Doppelrolle nicht das Opfer, sondern Täter. Er war ein Schwarzseher, dem ein Gutachter jetzt "ein neurotisches Sicherheitsbedürfnis" attestierte, und gängelte und quängelte, selbst getrieben von der Besserwisserei, in der schon der Keim der Despotie steckt. Wahrscheinlich wußte er, ähnlich dem erfahrenen Segelmacher, wirklich alles besser als die anderen mitsamt dem Eigner der Yacht; und die Ein-Mann-Meuterei mag ein Ausbruch seines panisch-unbewußten Gefahrenalpdrucks gewesen sein. Doch bis auf den Knalleffekt war nichts Besonderes dran, grob gesagt.

Und eine Art Grobheit darf durchaus erlaubt sein, wenn nein kritischer Blick auf die gewöhnliche Szene der ungewöhnlichen Untat fällt. Denn mit welchen Vorstellungen viele Leute, Hunderte jedes Jahr, allein oder in zusammengewürfelter Mannschaft auf Segelreise über die Ozeane gehen, das läßt jeden, der eine Ahnung von der Bordroutine, geschweige denn den Extremsituationen auf der See hat, fassungslos den Kopf schütteln.