Stuttgart

Ich bin der einzige Geschäftsmann, der mit dem Fahrrad fährt, immer mit dem Fahrrad. Weil ich mit dem Fahrrad fahre, kann ich billiger kalkulieren." Der das eifrig sagt, ist der letzte Fahrradkaufmann von Baden-Württemberg, Hans Dangel, ein kleiner, schmaler, fast drahtiger Mann, der schon wie 70 aussieht, den die Bauern aber noch jedes Frühjahr und jeden Herbst auf ihren Höfen erwarten, um ihm neue Bestellungen für Bettwäsche, Schürzen, Dralondecken und Damaststoffe zu präsentieren. Die Muster dafür hat Hans Dangel in einem kleinen Koffer hinten auf dem Rad, wenn er auf den Landstraßen zwischen Stuttgart und dem Schwarzwälder Glottertal beharrlich zu seiner Bauernkundschaft radelt. Mit ihr verbindet ihn nicht nur der regelmäßige Wäscheverkauf, sondern auch der freundlich-intime Schwatz, jener Schwatz, der die Ausweitung, Rationalisierung und Intensivierung der Firma Hans Dangel stets verhindert hat.

Der Mann mit dem offenen, markanten Gesicht, aus dem tiefblaue Augen neugierig und spöttisch in die Welt gucken, ist sein eigener Handelsvertreter, Einkäufer, Sekretär, Spediteur und gar Transporteur. Und er beginnt sich ein wenig zu wundern, daß seine Kunden immer noch regelmäßig mit ihm rechnen: "Wie lang glauben die Leute eigentlich, daß ich noch komme?" Spätestens in zehn Jahren, meint er augenzwinkernd, werde er bestimmt aufhören. Zu Hause zu sitzen, ist ihm jedenfalls zu langweilig. Seine Kunden sind ihm in einem halben Jahrhundert oft zu guten Freunden geworden – die Ware preist er längst nicht mehr an: Die Bauern erwarten ihn schon mit der Bestell-Liste. Vor dem Krieg hat Hans Dangel noch Fahrrad-Konkurrenten gehabt; die seien aber inzwischen alle "ausgestorben".

Die Firma Dangel ist nicht auf ökonomische Optimierung bedacht, ihr Geschäft ist eher kärglicher Natur. Die paar hundert weit verstreuten Kunden erlauben keine Mengenkonjunktur. Die Konkurrenz der Kaufhäuser und Versandgeschäfte gestattet auch keine saftigen Preise. Großzügige Kalkulationen würde sich Hans Dangel nie verzeihen. "Ich kaufe günstig, billig, in größeren Mengen, wie ein Grossist auch. Ich kalkuliere knapp, denn ich muß billiger sein." Ein vollgestopftes Lager in Stuttgart macht es möglich, und das Fahrrad erspart Transportkosten. Was Hans Dangel nicht sagt, was aber in seiner Wohnung augenfällig ist: Der äußerst bescheidene Lebensstil kann bis zu den Hemdenpreisen der Firma durchschlagen. Ein Telephon besitzt der Kaufmann erst seit zwei Jahren, und das auch nur auf Drängen seiner Kinder.

Beschränkung auf das Notwendigste und Sparsamkeit sind in Kindheit und Jugend verwurzelt. Als eines von sechs Kindern wuchs der Junge am Bodensee auf. Sein erstes großes Erlebnis: Wie die Getreidemühle des Vaters lichterloh brannte. Der Vater arbeitete dann beim Zeppelinbau in Friedrichshafen. Er starb früh; die Mutter war ohne jede Versorgung. Mit wenig Geld und hohen Schulden wurde ein Haus gekauft. Mutter und Kinder taten jede Arbeit. Die Pfennige wurden umgedreht. "Wenn Sie so sparsam aufwachsen in der Jugend – das bekommen Sie nicht mehr aus sich heraus", sagt Hans Dangel fast entschuldigend.

Eine vernünftige Ausbildung war unter solchen Umständen unmöglich. Erst spät konnte Hans Dangel eine Zeitlang die Handelsschule besuchen. Er wurde Vertreter für eine Landmaschinenfabrik und mit Bauern vertraut. Deshalb nahm ihn eine Weberei in Osterburken. Es war die einzige feste Anstellung in seinem Leben. Er nahm den Bauern Hanf und Flachs für die Webstühle ab und brachte ihnen dafür Stoffe. Ihre Adressen hatte er von der Weberei. Wie ein Hausierer von Wohnung zu Wohnung zu gehen ist dem stolzen Oberschwaben bis auf den heutigen Tag zuwider: "Ich hätte mich ausbreiten können. Aber das sagt mir nicht zu. Nur auf Empfehlung bin ich auf neue Höfe gegangen!"

Vor dem Krieg heiratete er in Stuttgart und baute dort das Geschäft aus, mit dem Rad und den alten Adressen der Weberei, von der er weiter Ware bezog. Aussteuersachen, Bettwäsche, Hemdenstoffe bot er den noch nicht motorisierten und noch nicht wohlhabenden Landwirten an. Die Kundschaft des eigenwilligen Händlers war spröde und solide wie er selbst: "Ich habe in über fünfzig Jahren nicht ein einziges Mal bei irgendeinem Geschäft Geld verloren. Das kann kein anderer Geschäftsmann von sich sagen," meint Hans Daagel selbstbewußt.