Belmondo gegen Hitler: Das ist ein Duell nach dem Geschmack des französischen Kino-Publikums. In dem breiten, bunten, törichten Lustspiel "Das As der Asse" (das Ende Januar auch Dei uns anläuft) landet Je Führer" in einer Jauchegrube, während der unwiderstehliche Herzensbrecher und Faustkämpfer Jean-Paul Belmondo nicht nur die französischen Boxer bei der Berliner Olympiade 1936 zum Sieg führt, sondern dazu noch eine jüdische Familie rettet. Frankreichs Kino-Kassen klingelten heftig: über drei Millionen Besucher in wenigen Wochen.

Auf den riesigen Kino-Plakaten an den Champs-Elysees posiert der Super-Star Belmondo so siegesgewiß und allgegenwärtig, als gehöre die Stadt ihm ganz allein. Der im amerikanischen Stil aufgezogene Reklame-Rummel für "Das As der Asse" (gedreht in München, photographiert von Fassbinders deutlich indisponiertem Kameramann Xaver Schwarzenberger) erdrückt die anderen Filme des Pariser Herbstes zu kaum noch registrierten Rand-Ereignissen.

Gegen den Terror der Werbung veröffentlichten 26 französische Filmkritiker, darunter so bekannte Autoren wie Jacques Sicher (Le Monde) und Samuel Lachize (L’Humanité), ein ungewöhnliches Manifest: "Dringend: ‚Ein Zimmer in der Stadt‘ zu vermieten" steht über der Erklärung, die, gegen den Belmondo-Rummel, mehr öffentliche Aufmerksamkeit für einen Film verlangt, der es im vorweihnachtlichen Hauruck-Geschäft besonders schwer hat. Es geht um Jacques Demys "Une chambre en ville" (Ein Zimmer in der Stadt), eine neue musikalische Tragödie des Regisseurs der legendären "Regenschirme von Cherbourg".

Den 1955 von der Polizei blutig niedergeschlagenen Werftarbeiter-Streik von Nantes zeigt der geniale Außenseiter des französischen Kinos als bizarres Melodram mit ausschließlich gesungenen Dialogen: eine radikale Mischung aus kulinarischer Oper und politischem Pampniet, prominent besetzt mit Danielle Darrieux, Dominique Sanda und Michel Piccoli. Die Unterzeichner des Kritiker-Manifests weisen dem "Zimmer in der Stadt" eine ähnliche Bedeutung zu wie zwei anderen Meisterwerken, die bei ihrer Premiere weithin auf Unverständnis stießen: Jean Renoirs "Die Spielregel" und Max Ophüls’ "Lola Montez".

Das Kritiker-Votum blieb nicht ungehört, auch nicht von Belmondo, der ja, bevor er sich als Hanswurst des Euro-Films verdingte, immerhin große Rollen bei Godard, Truffaut und Melville gespielt hatte. Für den Mißerfolg von Demy will er sich nicht prügeln lassen, und so ließ er eine – nicht unwitzige – Gegen-Polemik veröffentlichen: was wohl schließlich dazu führte, daß Demys Film von der hitzigen Debatte doch noch profitierte, Besonders die rechten Zeitungen reagierten allergisch auf das Manifest. Die Produzentin des "Zimmers in der Stadt" ist mit Präsident Mitterrand verschwägert. Man witterte den Versuch einer politischen Intrige.

Nun gehört es zu den Segnungen unseres Gesellschaftssystems, daß sich jedermann ungestraft an dem größten Quatsch delektieren darf. Insofern ist der Angriff auf Belmondo gewiß ungerecht (und letztlich auch gefährlich). Aber es bleibt ein doppeltes Unbehagen an diesem seltsamen Fall: nicht nur über die Kritiker, die mit falschen Methoden das richtige Ziel durchsetzen wollten, sondern mehr noch über die dampfwalzen-artigen Anstrengungen einer viele Millionen teuren Reklame, die das Seichte, Laute so skrupellos anpreist, daß stillere, schwierigere Unternehmungen im Kino immer weniger eine Chance besitzen.

Auch der deutsche Film bleibt zunehmend auf der Strecke gegenüber den raffinierten Marketing-Strategien der amerikanischen Groß-Konzerne. Zu Weihnachten, wenn mit großem Getöse "E. T." und "Annie" auf uns losgelassen werden, wird man das besonders deutlich merken. Ein deutscher Demy hätte ähnliche Probleme. So bleibt das millionenfache Gelächter über den Witzbold Belmondo eine geteilte Freude.

Hans-Christoph Blumenberg