Das Establishment nahm Abschied von einem der Seinen. Die Feier fand Anfang Oktober in der Frankfurter „Alten Oper“ statt und zog sich, eingerahmt vom Opernorchester, über dreieinhalb Stunden hin. Die sechs Festredner, darunter der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, der Ministerpräsident des Landes Hessen, der stellvertretende Vorsitzende der SPD, Helmut Schmidt, und der Arbeitsminister der Bundesregierung, verströmten so viel Weihrauch, daß man glauben konnte, einem Hochamt im Kölner Dom beizuwohnen. Aus nicht weniger als dreißig Nationen waren Gäste angereist. Der Aufwand galt nicht irgendwem: Geehrt wurde Rudi Sperner, der Vorsitzende der IG Bau – Steine – Erden, der nach sechzehn Jahren sein Amt niederlegte und in Rente ging.

Wenn von der alten Garde der Gewerkschaftsführer die Rede ist, fällt sein Name bald. Er war der Prototyp des Gewerkschafters aus der Wiederaufbau-Generation: kein Klassenkämpfer, sondern „ein Kumpel“, der die Interessen seiner Leute mit großer Verbindlichkeit vertreten konnte, aber seinen Wünschen auch mit einer Portion Bauernschläue nachzuhelfen verstand; kein blasser Apparatschik, sondern eine kraftvolle Persönlichkeit, die sich ihrer individuellen Lebensleistung voller Stolz bewußt war und sie sich von niemandem schmälern ließ, auch nicht von dem – seine Bauarbeiter besonders hart treffenden – wirtschaftlichen Einbruch am Ende seiner Dienstjahre.

Der Abschied in der „Alten Oper“ war kein heimlicher Herzenswunsch von ihm gewesen, sondern eine glatte Selbstverständlichkeit. Für die Restaurierung dieser Symbolstätte des Bürgertums hatte Sperner jahrelang in vorderster Front gekämpft; er war dafür als Dank schon zu seinem 60. Geburtstag mit der goldenen Ehrenplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet worden, Am Vorabend seines Abschieds dekorierte ihn der Bundespräsident noch mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern. Selbstverständlich hatte sich auch der Präsident der Arbeitgeber in der „Alten Oper“ die Ehre gegeben. Der neue Bundeskanzler hatte ein Grußwort geschickt. Nach dem feierlichen Akt, der mit der Ouvertüre zu Rossinis „Wilhelm Tell“ beendet wurde, waren die Ehrengäste in separaten Räumen zum Festmahl geladen. Die Gewerkschaftsmitglieder, die die Range des Opernhauses während der Veranstaltung als Zuhörer füllten, hatten dort keinen Zutritt mehr. Sie wurden getrennt verköstigt.

Die Zeremonie mutete wie ein endgültiger, in letzter Minute erbrachter Beweis dafür an, daß die ursprüngliche Aufgabe der Gewerkschaften, so wie sie an Mannheimer Abkommen von 1906 niedergeschrieben wurde, erfüllt ist. Die Gewerkschaften, so hieß es dort, „sind unumgänglich notwendig für die Hebung der Klassenlage der Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft“. Bei Rudi Sperner gab es nichts mehr zu heben. Er gehörte dazu. Dabei kann unterstellt werden, daß er selbstkritisch genug war, um den eigenen sozialen Aufstieg noch nicht für den Fortschritt der Arbeiterklasse zu halten.

In seinem Innersten muß ihn deprimiert haben, daß ausgerechnet in dem Augenblick, als er selber oben angekommen war, unten die Fundamente der IG Bau Steine – Erden zu bröckeln anfingen – einer Gewerkschaft, die in den fünfziger und sechziger Jahren von Georg Leber, Sperners Vorgänger, zum Musterbeispiel einer auf Kooperation angelegten Organisation gemacht worden war. In keiner anderen Gewerkschaft war das Verhältnis zwischen den Tarifpartnern so eng und innig wie „beim Bau“. Jetzt jedoch erlebt die Branche den tiefsten Konjunktureinbruch seit der Währungsreform. Es gibt etwa 400 000 arbeitslose Bauarbeiter, die Zahl der Kurzarbeiter hat sich binnen Jahresfrist verdreifacht. Leiharbeiter bringen Unruhe ins Geschäft. Verglichen mit anderen Branchen sind die Bauarbeiter in der Lohnskala zurückgefallen und ängstigen sich wegen ihres sinkenden Lebensstandards.

Rudi Sperner wird froh sein, daß er von diesen Problemen nichts mehr hören muß. Nur im Ruhestand ist einem Gewerkschafter der Genuß ohne Reue gegönnt. In seiner aktiven Zeit ist er, so schreibt der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme, „per definitionem ein Mann mit schlechtem Gewissen“. steckt ständig in einem sozialpsychologischen Dilemma, das für die Funktionselite der Gewerkschaftsführer typisch ist. Einerseits haben sie den verständlichen Wunsch, die Früchte ihrer Position zu genießen. Andererseits muß ihnen daran gelegen sein, alles zu kaschieren, was den Abstand zur Basis, ihrer „Muttergruppe“, allzu sinnfällig werden läßt.

Die Rollenprobleme fangen beim Chauffeur und bei der Sekretärin an. Natürlich dürfen die Mitarbeiter den Gewerkschaftsvorsitzenden duzen – in der Gewerkschaft duzt grundsätzlich jeder jeden. Aber viel hat das nicht zu sagen. Der Abstand bleibt. Auch der ewige Wunschseufzer nach der Erbsensuppe als Gemeinschaftserlebnis scheint auf das Problem hinzuweisen; Was auf dem Weg nach oben an Stallwärme verlorenging, muß künstlich ersetzt werden. So ist wohl auch der rauhe Umgangston zu erklären, den die Spitzenfunktionäre untereinander pflegen. Bei Meinungsverschiedenheiten schlagen sie sich „auf die Nase, bis wir nicht mehr wissen, wie wir heißen“, schilderte einer und erklärte das mit der Last der Verantwortung, die sie tragen müssen. Aber dieser Stil ist auch eine Imitation der Arbeitersitten an der Werkbank – wobei keiner von ihnen dort sehr lange gestanden hat.