Nachahmenswert

Josquin Des Prés: „Missa Da Pacem/Miserere“. Sie nennen es eine „erste Exkursion“: die „Musik-Konzepte“, diese Monographien-„Reihe über Komponisten“, die Musik nicht nur affirmativ betrachtet – diese Schriften-Sammlung hat erstmals zu ihren Essays das sozusagen tönende Beispiel mitgeliefert. Was der Musikologe und Dirigent Peter Gülke schon für das Schriftbild dieser Musik erkannte, den Aufbau des Ganzen „aus der Aktivität mehrerer relativ selbständiger Parte“, darf inzwischen, ohne das Historische zu verfälschen, auch in das Musizieren selber übertragen werden. Dies nun findet auf der zum Buch erschienenen Platte in der Tat statt: ein Ensemble „mehrerer relativ selbständiger Parte“ (Schola Cantorum Stuttgart, Ltg.: Clytus Gottwald), besonders gut geschult vielleicht durch die zahlreichen Aufführungen avanciertester Partituren, zeigt, daß diese Selbständigkeit keineswegs in einen romantisierenden Individualismus oder eine falsche Priorität einzelner Stimmcharaktere münden muß, sondern eine Homogenität des Heterogenen erzeugen kann, die nun in der Tat das horizontale polyphone Gewebe dieser Musik aufhellt und ausleuchtet zu ungeahnter Modernität. (Musik-Konzepte 60 266/7, edition text + kritik, München). Heinz Josef Herbort

Hörenswert

Don Cherry, Ed Blackwell: „El Corazón“. Zwei Musiker, denen man den Spaß am Spiel und immer neuen Erfindungen im Duett so deutlich anmerkt, daß man ihnen gar nicht unbeteiligt zuhören kann. Sie musizieren ernst und unbeschwert, so daß es einem ziemlich schwerfällt, den dünnen Faden zu erkennen, der in beider Vergangenheit führt, zurück zu Ornette Colemans Quartett, dem sie einst angehört haben. Ist das hier wirklich, wie auf dem Beiblatt mitgeteilt wird, „wohl die letzte Konsequenz des damals Initiierten“? Schwer zu glauben, wenn man den beiden bei ihren unterhaltsamen musikalischen Zwiegesprächen zuhört – wenn Don Cherry zum farbenreichen, feinen, höchst distinguierten Schlagzeugspiel Ed Blackwells seine Themen in geschwinden Versionen auf der Trompete bläst, der falschen Töne nicht achtend, wenn er tapsend auf der Melodika tanzt, sich in die Perkussionen eines rituellen Tanzes oder eines dunklen Marsches einmischt oder, in seinem letzten Trompetensolo, die Melodiephrasen lange aushallen läßt: gehabt euch wohl, vertragt euch, vertraut auf morgen (falls jemandem ausgerechnet dies dabei in den Sinn kommt). Und auf einmal ist es aus. (ECM 1230)

Manfred Sack

Prätentiös

Sergej Prokofieff: „Peter und der Wolf Statt des klaren, ruhigen Märchentons der Originalfassung gibt es in der Loriot-Version allerlei Schelmereien und Modernisierungen: „Hier in der Gegend ist doch mehr los, als ich dachte“, sagt zum Beispiel Peter. Großvater erscheint im Nachthemd vor der Gartentür, der Vogel „lächelt“, die Ente schilt ihn „doof“, und der Schluß bekommt ein kindertümelndes Happy-End: „Die Ente aber saß gemütlich im Bauch des Wolfes. Endlich kann ich mal ungestört verreisen, dachte sie und streckte dem Wolf die Zunge raus.“ Auf dem Cover der LP ist deshalb auch zu lesen: Loriot bindet „die Erzählung enger in das musikalische Geschehen ein und verdeutlicht die Charaktereigenschaften der Mitspieler und ihrer Beziehungen zueinander.“ Daß ausgerechnet Loriot, ein so virtuoser Zeichner und phantasievoller Satiriker, diese Neuschöpfung „frei nach Prokofieff“ versucht, ist irritierend. Die seltsam überflüssige Modernisierung mutet geschwätzig und prätentiös an. Was nur würde Vicco von Bülow sagen, käme ein Cartoonist auf die Idee, Loriots vierzig Jahre alten Knollenmännchen durch das Applizieren einer neuen Nase zu „modernisieren“? (Deutsche Grammophon 2531 388)

Ute Blaich