Ronald Reagan wirbt mit Charme und Dollars

Von Ulrich Schiller

Washington, im Dezember

Michael Deaver, im Beraterkreis des Präsidenten der wohl engste Freund Ronald Reagans, äußerte sich über die Reiseeindrücke seines Dienstherren offenherziger, als es dem Weißen Haus lieb gewesen sein mag. "Ich habe ihn noch nie von einer Reise so begeistert gesehen, vollkommen anders als auf der Europareise", verriet Deaver der Presse, in der "Air Force One", dem Präsidentenflugzeug, auf dem Rückweg nach Norden. Er bestätigte, daß der von Ronald Reagan auf allen Stationen der Reise beschworene Traum von der nunmehr Nord-, Mittel- und Südamerika umschließenden "Neuen Welt" und ihrer ureigenen dynamischen Kraft zutiefst seiner persönlichen Überzeugung entspreche. Die wahre Zukunft liege bei den amerikanischen Staaten, echote Deaver ganz in der Logik kalifornischer Perspektiven die Ansichten des Präsidenten,

Zwei Reisen in zwei Welten

Selbst der sonst so sorgfältig, abwägende Außenminister Shultz leistete sich unter dem Eindruck des Erfolgsgefühls in der Reisegruppe des Weißen Hauses eine kräftige Übertreibung. 90 Prozent der Bevölkerung zwischen Kanada und der Südspitze Lateinamerikas würden jetzt unter Südspitze schem Gesetz leben, stellte Shultz auf einer improvisierten Pressekonferenz in einem Flugzeughangar fest, ausgerechnet in Honduras dessen Präsident im Schatten eines mächtigen Generals amtiert. Dabei hatte Shultz wie alle anderen auf der Reise von Brasilien über Kolumbien bis Costa Rica und Honduras selbst erlebt, wie relativ das Demokratieverständnis in diesem Teil der Erde ist. Nur das freundliche und amerika-anhängliche Costa Rica, ein Land ohne Streitkräfte und mit mehr Lehrern als Sicherheitspersonal, kann an den Maßstäben der Vereinigten Staaten gemessen werden. Doch die Förderung des "demokratischen Schwunges" war eben eines der erklärten Reiseziele des Weißen Hauses. Ein anderes: Einbindung aller Glieder des Doppelkontinents in eine "interamerikanische Zusammenarbeit". In einem Augenblick, da alle Länder Lateinamerikas von einer schweren Wirtschaftskrise befallen sind – ruinös schweren Wirtschaftskrise rezessionsbedingt rückniedrige Exporte, wachsender Protektionismus, hohe Zinsen und ein zu starker Dollar –, schickte sich die Regierung Reagan an, mit Partnerschaftsangeboten, als Fürsprecher des freien Handels mit deutlicher Spitze gegen den europäischen Agrarprotektionismus, und mit dem Charme des Präsidenten selbst die maßgebliche Rolle der USA wieder herauszustellen.

Es waren im Grunde genommen zwei Reisen in zwei verschiedene politische Welten: Brasilien und Kolumbien, höchst selbstbewußte Staaten einerseits, Costa Rica und Honduras andererseits, wo Begegnungen auch mit den Präsidenten von El Salvador und Guatemala arrangiert worden waren, alle in einem klaren Abhängigkeitsverhältnis zu den USA. Brasilien war für Reagan ein voller Erfolg. Als derjenige, der Jimmy Carter abgelöst hatte, war er von vornherein willkommen. Die wenigsten Brasilianer werden zwar leugnen, daß Carters Menschenrechtspolitik für die innere Entwicklung des Landes bis hin zu den freien Wahlen am 15. November von erheblichem Einfluß war, doch derselbe Carter hatte mit dem Versuch, das deutsch-brasilianische Kernkraftgeschäft zu verhindern, schwer in die Industrialisierungspolitik des Landes eingegriffen. Der konservative Reagan fand nun den richtigen Ton. Mit Präsident Figueiredo verbindet ihn das Glücksgefühl auf dem Rücken rassiger Pferde und der Glaube an den freien Markt und ein freies Unternehmertum.