Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Dezember

War der eine Saal in klinisches Weiß getaucht, als werde dort ein jungfräuliche Politik verkündet, so glich der andere einem Flugzeughangar, in dem es um Reparaturen geht – vom äußeren Zuschnitt her sind weder der Wahlkampfauftakt der CDU letzten Montag in Bonn noch der Aufgalopp der SPD vor drei Wochen in Kiel berauschende Ereignisse gewesen. So nüchtern und geschäftsmäßig ging es im großen Saal des Bonner Hauptquartiers der Christlichen Demokraten zu, daß Walther Leisler Kieps Beschwörung, dem bevorstehenden Stimmengang komme der gleiche Rang zu wie der ersten Bundestagswahl, fast wie ein deplazierter Fanfarenstoß wirkte. Und auch bei den Sozialdemokraten in der Kieler Ostseehalle herrschte eher Gelassenheit, beinahe sogar Beiläufigkeit. Wird dieser Wahlkampf so langweilig wie keiner zuvor?

Die Attitüde des business as usual indessen täuscht. Heiner Geißler zum Beispiel, der Generalsekretär der CDU, hält die politische Landschaft für so aufgewühlt wie nie; auf jeden Fall rechnet er mit einer noch höheren Wahlbeteiligung als bei allen früheren Entscheidungen. Auch Volker Riegger der Hauptorganisator des sozialdemokratischen Stimmenfeldzugs, berichtet von einer schon ungewöhnlich großen Mobilisierung. Von einer "vorläufig mauen Stimmung, bei den Anhängern ihrer Partei sprechen allein Irmgard Adam-Schwaetzer und Fritz Fliszar, die Generalsekretärin und der Bundesgeschäftsführer der FDP.

Zwar war auch Helmut Kohl die Gelassenheit in Person, als er am Montag vor rund 800 Mandatsträger seiner Partei trat – wie überhaupt zumindest die Führungsriege der Union den Eindruck vermittelt, als habe sie keine dreizehn Jahre lang auf den Oppositionsbänken gesessen, sondern schon immer regiert. Doch auch der neue Bundeskanzler redete den Delegierten ins Gewissen, den Stimmgang nicht schon vor dem Wahlabend für gewonnen zu halten. Dahinter steckt eine gewisse Sorge. Die CDU, so sagt Peter Radunski, der Geschäftsführer und Wahlkampforganisator der Partei, einer der besten Profis in diesem Fach, habe die Oppositionsjahre so verinnerlicht, daß sie den Wechsel in die Regierung noch verarbeiten müsse; aus der Opposition Breitseiten abzufeuern, sei entschieden leichter geesen, als nun die Politik der neuen Regierung zu erklären und zu vertreten.

Die Sorgen der SPD sind anderer Art. Sie muß mit einem neuen Kanzlerkandidaten in die Wahlschlacht ziehen, wenngleich sie gerade die Nominierung Hans-Jochen Vogels gerade dazu nutzen will, um zu zeigen, daß bei ihr eben etwas ganz Neues stattfindet. Auch wird sie mit dem größten Kapital, das Vogel besitzt – seiner Glaubwürdigkeit –, kräftig wuchern. Auf der anderen Seite merkt sie aber, was es heißt, daß ihr Bewerber weder ein Regierungsmitglied ist noch im Bundestag sitzt. Bisher kommt Vogel zu wenig in den Medien vor, und manchmal vermutet die SPD dahinter auch politische Gründe. Ihr Wahlkampfmanager Riegger spricht jedoch auch von einer "ungeheuren Befreiung" der Partei: die Lähmung an der Seite der "Wackel-FDP" sei wie weggeblasen, die eigene Identität wiedergefunden. Anders als 1980 müßten Kompromisse mit den Freidemokraten nicht vorweggenommen werden. Der Mobilisierung komme überdies zugute, daß anders als vor zwei Jahren kein sozialdemokratischer Parteigänger mehr in dem Glauben im Lehnsessel sitzen bleiben könne, schon die Konfrontation zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß werde ganz automatisch den Wahlsieg bescheren.

Auch die FDP muß allein kämpfen. Denn je hartnäckiger sie unter der Fünf-Prozent-Hürde bleibt, desto mehr setzt die Union, zumal die CSU, wohl oder übel auf die absolute Mehrheit; von Leihstimmen für die Liberalen will sie ganz und gar nichts wissen. Frau Adam-Schwaetzer begreift das als Chance, die Eigenständigkeit der FDP herauszustreichen, und Hans-Dietrich Genscher gibt die Austritte oder die innere Emigration vieler Parteimitglieder und Anhänger als günstige Gelegenheit aus, sich durch solche "Selbstreinigung" endlich klar zu profilieren. Überhaupt sieht die FDP in ihrer Bedrängnis auch einen Vorteil; daß ihr parlamentarisches Überleben selber ein Wahlkampfthema ist, hat ihr ja schon aus früheren Talsohlen herausgeholfen. Ihre Unverwechselbarkeit will die FDP vor allem an Hand von Stichworten wie Kontinuität in der Außenpolitik, Umweltschutz und Liberalität in der Recntspolitik demonstrieren. An die Wand gemalt werden soll auch die Gefahr einer absoluten Unions-Mehrheit.