Von Klaus Pokatzky

Frankfurt, im Dezember

Ein Optimist hatte sich vorher hingesetzt und der neuen Bewegung der Arbeitslosen, die in Frankfurt am vergangenen Wochenende aus der Taufe gehoben werden sollte, schon die Hymne gedichtet. "Erst war’n wir einsam und wir fühlten uns sehr schlecht", sollte zur Melodie von "Glory, Glory Hallelujah", dem Schlachtgesang aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, angestimmt werden, "jetzt kämpfen wir gemeinsam, das ist unser gutes Recht." Doch daraus wurde nichts, die Lied-Zettel mit der sauberen Handschrift blieben unbeachtet. Der Kongreß wollte nicht singen; nach drei Tagen hatten sich die Teilnehmer so erschöpft, in der vierstündigen Abschlußdiskussion so zerstritten, daß sie nur noch eines einte – der Wunsch, endlich wieder nach Hause zu kommen. Eine gemeinsame Erklärung, geschweige denn eine zukünftige Strategie, brachten sie da nicht mehr zustande.

Beruhigt dürfen vor allem die Politiker sein: Eine weitere Massenopposition in Form einer regelrechten Arbeitslosenbewegung wird ihnen nach der Ökologie-, der Friedens-, der Alternativbewegung ganz gewiß nicht den Schlaf rauben. Der einzige gemeinsame Nenner, die Arbeitslosigkeit nämlich, der die 1500 auf dem ersten "Bundeskongreß der Arbeitsloseninitiativen" einte, reicht als Fundament für eine Massenbewegung nicht aus. Zu weit sind die ideologischen Ansätze voneinander entfernt, zu groß die Unterschiede in den Zielvorstellungen.

Zwischen 300 und 500 Selbsthilfegruppen von Arbeitslosen gibt es mittlerweile; viele werden von katholischen und evangelischen Kirchengemeinden mit Rat und Tat und Geld und Räumen unterstützt, ganz wenige nur von den Gewerkschaften. Ihre Mitglieder versuchen, einander wieder Mut zu machen, geben sich Tips, wie man sich gegenüber Ämtern und Arbeitgebern verhalten kann – ja manche versuchen sogar, eigene alternative Kleinbetriebe aufzubauen. Das Frankfurter Treffen war nützlich, zumindest zum Erfahrungsaustausch, aber eben nicht als Versuch, durch einen bundesweiten Zusammenschluß die nötige Schlagkraft gegen Politiker, Unternehmer, Ämter zu erlangen.

Daß Initiativen mit gänzlich unterschiedlichem Hintergrund und Werdegang einmal über ihre Arbeit, ihre Sorgen und Erfolge reden konnten, soll dabei nicht unterschätzt werden – ob das nun die auf lokaler Ebene kooperierenden Berliner Gruppen waren, die ihre eigene "Arbeitslosenzeitung" machen; die arbeitslosen Besucher des Nürnberger Jugendfreizeitheims Neumeyerstraße, die sich in einer beeindruckenden Broschüre dagegen wehren, für "asozial, dreckig, kriminell, arbeitsscheues Gesindel" gehalten zu werden; oder die kirchlichen Mitarbeiter aus Hannover, die für eine "Aktion Arbeitslosen-Abgabe" regelmäßig einen Teil ihrer Gehälter abzweigen.

Erfreulich war natürlich auch, daß sich fast 200 Journalisten, nicht nur aus der Bundesrepublik, in Frankfurt eingefunden hatten und dem drängenden Thema endlich einmal aus anderer Perspektive diejenige Aufmerksamkeit zuteil werden ließen, die sonst in der Regel nur der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Joseph Stingl, mit seinen monatlichen Horrorzahlen und die redenden Politiker erhalten. Von erschütternden Schicksalen konnten sie Kenntnis nehmen, die ein gänzlich anderes Bild von den Arbeitslosen vermitteln, als dies viele Politiker und Arbeitgeber immer noch so gerne hegen, wenn sie unterstellen, daß die meisten Arbeitslosen ja sowieso nicht arbeiten wollen.