Von Hans Otto Eglau

Sein Sturz war jäh wie sein Aufstieg einst steil gewesen war. Neun Monate nachdem er wegen eines Ermittlungsverfahrens über angebliche Schmiergeldzahlungen an führende Bonner Politiker auf das Amt des Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) verzichtet hatte, verlor Eberhard von .Brauchitsch jetzt auch seinen Posten als persönlich haftender Gesellschafter im Flick-Konzern – ausgebootet von seinem langjährigen Freund Friedrich Karl Flick.

War es das letzte Stück auf dem Weg nach unten? Der 56jährige Spitzenmanager wird es vermutlich schon in Kürze wissen. Die Bonner Staatsanwaltschaft will demnächst entscheiden, ob sie gegen ihn Anklage erhebt. Zur Zeit läßt sich allenfalls darüber spekulieren, ob das in der Düsseldorfer Flick-Zentrale sichergestellte Material und die Zeugenaussagen ausreichen werden, um von Brauchitsch die Zahlung sechsstelliger Beträge aus "schwarzen Kassen" zur Erlangung steuerlicher Vorteile nachzuweisen. Wenngleich er bis zu einem Schuldspruch als unbescholtener Mann zu gelten hat, sind Zweifel daran erlaubt, daß sich nach der Veröffentlichung pikanter Details Flickscher Finanzpraktiken die schweren Anschuldigungen einfach in Luft auflösen werden.

Mit dem 1,96 Meter großen Flick-Hünen ist eine der farbigsten Figuren der bundesdeutschen Wirtschaftsszene ins Zwielicht und – zumindest vorübergehend – auch ins berufliche Abseits geraten. Lange Zeit galt er als der starke Mann an der Spitze der Flick-Gruppe, des mit 45 000 Beschäftigten und 8,6 Milliarden Mark Jahresumsatz führenden Familienkonzerns der Bundesrepublik. Sein Einfluß reichte jedoch über die Grenzen des Unternehmens weit hinaus – in die Spitzenverbände der Wirtschaft ebenso wie in die Entscheidungszentren der Bonner Politik.

Schon mit 30 Jahren war der gebürtige Berliner – nach Jurastudium, Assessorexamen und einem Intermezzo als Rechtsanwalt – in die Geschäftsführung der Charterfirma Deutsche Flugdienst berufen worden. Doch sein eigentlicher Höhenflug begann erst drei Jahre später, als ihn Konzerngründer Friedrich Flick zum Prokuristen in seiner Düsseldorfer Zentrale machte. Die Familien Flick und von Brauchitsch, vor allem die Frauen, waren seit gemeinsamen Berliner Tagen eng befreundet; die Söhne Friedrich Karl und Eberhard spielten schon im Grunewald zusammen und besuchten nach dem Krieg in Bad Tölz dieselbe Schule. 1965 berief der alte Flick den Jugendfreund seines Jüngsten dann als persönlich haftenden Gesellschafter in den engsten Führungskreis seines Unternehmens.

Für den damals schon 71jährigen Senior vereinigte der adlige Jung-Siegfried, der in seiner Studienzeit als Amateurboxer sportliche Qualitäten nachgewiesen hatte, alle jene Eigenschaften, die seinem Erben so ganz abzugehen schienen: Ausstrahlung, Entschlußkraft, Dynamik. Die auf den Familienfremden fallende Gunst des Alten und das publizistische Übergewicht des medienerfahrenen Erfolgsmanagers mußten jedoch früher oder später zu Rivalitäten und Spannungen zwischen den beiden einstigen Freunden führen. Zum Bruch kam es, als im Frühjahr 1970 ein in der Welt am Sonntag unter der Rubrik "Der Mann an der Spitze" groß aufgemachtes Brauchitsch-Porträt den aufgestauten Ärger des im Schatten stehenden Erben zum Überkochen brachte. Von Brauchitsch nahm seinen Abschied und trat als Generalbevollmächtigter in die Dienste des Verlegers Axel Springer, dessen Photo mit persönlicher Widmung noch heute seinen Schreibtisch ziert. Erst vier Jahre später kehrte er, einem testamentarischen Ruf des Mitte 1972 verstorbenen Gründers folgend, in die Dienste des Flick-Konzerns zurück.

Was immer man unter "typisch preußisch" versteht – die kerzengerade Erscheinung des mit dem Gardemaß der Potsdamer langen Kerls alles überragenden Adligen ließ solche Begriffsassoziationen immer wieder naheliegend erscheinen. Sein familiärer Hintergrund hat sicherlich das Seinige dazu beigetragen. Vater Konrad von Brauchitsch war aktiver Seeoffizier, bevor er später Archivdirektor beim Reichsrundfunk wurde, ein Onkel, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, war bis zu seiner Verabschiedung Ende 1941 Oberbefehlshaber des Heeres. Auch dem aus der Flakhelfergeneration stammenden Eberhard von Brauchitsch kömmt das Wort "dienen" leicht und oft von den Lippen. Vielleicht nicht umsonst hat sich sein berufliches Leben bisher weitgehend im Dunstkreis unternehmerischer Monarchen abgespielt, denen er als Hausmeier zu treuen Diensten stand. Über sich selbst hat er gelegentlich behauptet, "vom Typ her ein Mann des Familienunternehmens" zu sein. Er hat in der Rolle des Majordomus fraglos mehr Macht ausüben können, als dies in der "republikanischen" Welt einer transparenten Publikumsgesellschaft möglich gewesen wäre.